Politik : Handwerksordnung

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

5. Bericht der Exilrheinischen Expedition ins halbwilde Preußistan, vierte Lieferung: Ethnologie des Handwerksstandes.

Liebe Freunde,

heute wollen wir euch einmal berichten, was es mit dem Handwerk zu Berlin auf sich hat. Langjährige teilnehmende Beobachtung im Rheinland hatte uns zu dem Schluss gebracht, dass das deutsche Handwerk an massiver Überbeschäftigung leidet. Ihr kennt das. Man ruft einen Handwerker an. „Kommisch sofort“, sagt der Mann. Kommt aber nicht. Kommt weder sofort noch morgen noch übermorgen. Zweiter Anruf: „Nää, sarens, dassisch das verjessen konnte! Also, kommisch so-fort!“ Kommt nicht. Wenn er nach dem fünften Anruf und der Androhung körperlicher Gewalt doch kommt, hat er kein Werkzeug dabei, sondern guckt erst mal. Und so weiter.

Ganz anders der Berliner Zunftgenosse. Anruf wie gehabt: „Also, bin ich morgen zwischen 8 und 12 bei Ihnen.“ Geht’s nicht vielleicht genauer, weil, wissen Sie, unsereiner als Berufstätiger ... ? Es geht nicht genauer. Zwischen 8 und 12. Nun gut. Um 8 kommt er nicht. Um Punkt 12 Uhr ist er nicht da. Wir hetzen zur U-Bahn, das Büro wartet, ein halber Tag Urlaub, hat der Chef geknurrt, nun gut, wenn es unbedingt sein muss . . . Abends Anruf beim Handwerker. Einem sehr empörten Handwerker. Um 12. 22 Uhr war er da – keiner macht auf! Er hat seine Zeit nicht gestohlen!! Bloß gnadenhalber kommt er morgen noch mal. Zwischen 8 und 12!

Im Rheinland wartet niemand auf Handwerker. Sie kommen sowieso nicht, also warum zu Hause rumhocken? In Berlin warten alle immerzu auf Handwerker. Preußen ist zeitraubend.

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