Politik : Hans-Dietrich Genscher: Ein perfekter Stellwerker der Macht

Hermann Rudolph

An den politischen Fähigkeiten von Hans-Dietrich Genscher, seiner Professionalität und pragmatischen Intelligenz, hat nie jemand gezweifelt - und wer es tat, musste ihm früher oder später Abbitte leisten. Aber dem Lob, das ihm zuteil wurde - und das ihm auch an diesem Donnerstag, an dem er 75 wird, wieder reichlich gespendet werden wird -, war auch oft eine Messerspitze Geringschätzung beigemischt. War da nicht immer zu viel Taktik? Zu viel "Genscherismus", also schlaues, auf Mitte und Vermittlung gerichtetes Lavieren? Zu wenig Glanz? Ganz zu schweigen von der Normalität, aus der derMann mit dem ewig gelben Pullover und der handfesten Vernunft schöpfte. Das alles ist nicht gerade der Stoff, aus dem Männer gemacht sind, die Geschichte machen.

Aber es belegt nur, dass Genscher nicht so sehr seinem Ruf als vielmehr sein Ruf ihm etliches schuldig geblieben ist. Denn Genscher hat ja Geschichte gemacht. Er ist nicht allein der Außenminister mit der legendären, nämlich 16-jährigen Amtszeit. Über gut drei Jahrzehnte ist er eine der zentralen Gestalten der deutschen Politik gewesen. Ohne ihn kann man diesen Zeitraum politisch nicht denken: nicht seine Kehren und Wenden - den Wechsel zum sozial-liberalen Bündnis 1969, aber vor allem den zur konservativ-liberalen Koalition 1982 -, nicht die frühen 70er, als er ein erfolgreicher Innenminister war, nicht die Entspannungspolitik, nicht die Wiedervereinigung. Und wo seine Partei, die FDP, ohne ihn wäre, kann man sich schon gar nicht vorstellen. Denn er hat sie nicht nur in die Wechsel gesteuert, mit denen sie politisch neue Ufer gewann, sondern sie danach auch wieder aus den Einbrüchen herausgebracht, mit denen sie dafür bezahlen musste.

Aber die politische Kraftmenschen-Rolle lag auch immer jenseits von Genschers Politik und wohl auch seiner Wünsche. Gewiss, er war der perfekte Stellwerker der Macht-Maschinerie, der "mit den Ohren" - wie Herbert Wehner bissig spottete -, also der Früh-Witterer aller heranziehenden Wetterwechsel. Aber man wird ihm nicht gerecht, wenn man nicht sieht, womit seine Politik außerdem rechnete. Von den "Gezeiten", die sich änderten, sprach er, als sich Ende der 80er Jahre der große Wandel in Mittel- und Osteuropa ankündigte. Und den größten Triumph seiner Laufbahn, die Befreiung der Flüchtlinge in der Prager Botschaft zur Ausreise in die Bundesrepublik, deutete er im Rückblick als Personifizierung des "Urstroms der Geschichte", der sich in Bewegung gesetzt habe. Vielleicht verrät die Metaphorik etwas von dem Spürsinn, dem Tiefgang, den seine Politik auch hatte. Und erklärt, was so viele Beobachter, die ihn nur als gewieftes political animal sahen, an ihm als rätselhaft empfanden.

Allerdings gehört es auch zu Genscher, dass er in diesem historischen Augenblick rief: "Sind denn Hallenser da?" Das erinnerte nicht nur an den Kult, den er mit der Bindung an seine Heimatstadt treibt, sondern auch an die Umstände seiner Biografie. In der Tat ist Genscher nicht gerecht zu werden, wenn man sich nicht vor Augen hält, dass er noch massiv hineinreicht in die Bruchzonen der deutschen Geschichte: Krieg und Nachkrieg, Flucht aus dem Osten, mühsames Fußfassen im Westen. Und es macht die Bedeutung des Politikers Genscher aus, dass diese Erfolgsgeschichte unterfüttert ist mit jener bundesrepublikanischen Nachkriegsgeschichte, die ihr bewegendes Moment aus den Lektionen von Zusammenbruch und Teilung zieht.

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