Politik : Hans-Dietrich Genscher: Methode Genscher

Hanns Schumacher

"Mit der Methode Genscher überzeugen", wirbt ein Buch für Redetechniken. Als Gastredner ist Deutschlands Chefdiplomat a.D. begehrt - noch heute, zehn Jahre nach seinem Rücktritt. Ein Mann, dessen Wort zählt. Wie bitte? Er, der "Meister der diplomatischen Vernebelung", wie Journalisten zu ächzen pflegten.

Deutschlands längstgedienter Minister hat seinen Platz in der Geschichte gefundenUnd von dem, was einst manchem eher staatstragend-einlullend erschien, hat vieles seine historische Gültigkeit bewahrt und auch Bestätigung erhalten. Seine Gedanken, oft kryptisch und verborgen, waren nie für die Schlagzeile gut. Man musste schon "zwischen den Zeilen lesen" - ein Talent, zu dem nur überzeugte Genscheristen Zeit und Kraft aufbrachten. Es hätte sich gelohnt: "Nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärkung des Rechts schützt die Interessen der Staaten am meisten", lapidar 1986, prophetisch 2002, kurz vor Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofes. Seine "Absage an Machtpolitik" 1990, vor der UN-Generalversammlung, wird Richtschnur für jeden Außenminister. In Erinnerung bleibt der 1. Februar 1987, der Genscher-Klassiker: "Nehmt Gorbatschow ernst, nehmt ihn beim Wort", in Davos gesagt, als andere noch im "Reich des Bösen" weilten, wenn sie nach Moskau blickten. Verlässlichkeit war sein Konzept aus tiefer Einsicht in das stete (und bis heute) lauernde Misstrauen gegen Deutschland. Und die erlaubt keine sprachlichen Kraftakte. Herzlichen Glückwunsch!

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