• Hans-Dietrich Genscher über sein Gefühl unendlicher Dankbarkeit und die Furcht vor der Gewalt

Politik : Hans-Dietrich Genscher über sein Gefühl unendlicher Dankbarkeit und die Furcht vor der Gewalt

Der Autor war von 1974 bis 1992 B,esaußenm

Die Nachricht von der Öffnung der Mauer erhielten Helmut Kohl und ich am Abend des 9. November 1989 in Warschau, während des Abendessens, das die polnische Regierung für uns gab. Wir entschieden, den Besuch in Polen zu unterbrechen und am nächsten Tag nach Berlin zu fliegen, in die Stadt, auf die nicht nur alle Deutschen, sondern die ganze Welt blickte. Für den Nachmittag war eine Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus vorgesehen. Daran konnten zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder Deutschen aus West und aus Ost teilnehmen.

Polen hatte schon eine nichtkommunistische Regierung. Vor dem Abflug traf ich Lech Walesa und seinen damaligen außenpolitischen Berater, Bronislaw Geremek, den heutigen polnischen Außenminister. Geremek sagte, das ist ein großer Tag für Polen, denn wenn Deutschland vereint sein wird, wird Polen Nachbar sein von EG und Nato. Das brachte auf den Punkt, was damals geschah. Die deutsche Einheit, die sich an diesem Tage deutlicher als je zuvor abzeichnete, bedeutete auch die Einheit Europas.

Und noch etwas: Anders als 1953 in der DDR, als 1956 in Ungarn und als 1968 in der Tschechoslowakei war das, was in Berlin und in der DDR geschah, nicht allein eine deutsche Freiheitsrevolution, sondern es war Teil einer europäischen Freiheitsrevolution. Deshalb wurde das Jahr 1989 zum europäischsten Jahr dieses Jahrhunderts. Vor dem Schöneberger Rathaus am Nachmittag rief ich aus: "Wenn die Stunde der Freiheit in ganz Europa schlägt, können wir sagen: Deutsche haben dabei mitgewirkt." An diesem Tage wurde dramatisch deutlich, wie eng das Schicksal Deutschlands mit dem Europas verbunden ist. Richard von Weizsäcker hatte schon Recht, als er sagte: "Uns Deutschen hat die Geschichte nie allein gehört."

In dieser Nacht vom 9. auf den 10. November habe ich kaum geschlafen. Ich war ähnlich aufgewühlt wie am 30. September, nach der Rückkehr aus der Botschaft in Prag. Ich hatte ein Gefühl unendlicher Dankbarkeit gegenüber den Menschen in meiner Heimat, in der DDR, für die Würde, mit der sie friedlich ihre Freiheit erstritten hatten. Sie waren es, die die Wende bewirkten. Obwohl meine Generation mit dem Wort Stolz vorsichtig geworden ist, empfand ich auch Stolz auf das, was die Menschen damals in der DDR taten.

Immer wieder stellte ich mir die Frage, was ich den Menschen vor dem Schöneberger Rathaus sagen wollte. Im Flugzeug formulierte ich die Rede, die ich auch an unsere Nachbarn in Europa richten wollte. Die zentrale Botschaft war: "Von Deutschen in Freiheit, von Deutschen in Demokratie ist noch nie eine Gefahr für die anderen Völker ausgegangen." Noch ganz unter dem Eindruck der Kundgebung in Berlin telefonierte ich am Abend des 10. Novembers mit meinen Kollegen in Washington, London und Paris und mit Eduard Schewardnadse in Moskau. Ich war sicher, dass Gorbatschow und Schewardnadse nicht zulassen würden, dass sowjetische Truppen gegen die Freiheitsrevolution der DDR eingesetzt werden. Schon im September 1988 hatte ich Schewardnadse in New York gesagt, es dürfe sich nicht wiederholen, dass sowjetische Panzer, wie am 17. Juni 1953, friedliche Demonstrationen niederwalzen. Aber würde das, was Gorbatschow und Schewardnadse wollten, überall in Moskau genauso gesehen werden? Und wie würden sich örtliche Kommandeure verhalten? Das war die sorgenvolle Frage.

Deshalb waren diese Telefonate nach der Öffnung der Mauer auch Ausdruck meines Dankes an die drei Westmächte, die uns in schwerster Zeit stets zur Seite gestanden hatten und an Gorbatschow und Schewardnadse für ihre neue Politik - ohne Gewalt.

Ich habe mich gefragt, ob es ein Fingerzeig der Geschichte war, dass Helmut Kohl und ich gerade ich Warschau waren, als die Mauer in Berlin fiel, empfangen von einer neuen Regierung. Vor dem Schöneberger Rathaus wandte ich mich nach Warschau und sagte: "Von uns Deutschen wird niemals mehr die Grenze zwischen Deutschland und Polen in Frage gestellt."Der Autor war von 1974 bis 1992 Bundesaußenminister. Hans-Dietrich Genscher und Krzysztof Skubiszewski, im Herbst 1989 erster Außenminister des demokratischen Polen, werden heute in Berlin mit dem deutsch-polnischen Preis ausgezeichnet. Übersichtsseite zum 10. Jahrestag des Mauerfalls

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