Harald Christ : Eine gute Heuschrecke

Harald Christ gehört zum SPD-Kompetenzteam. Das Hauptanliegen des Finanzmanagers: mehr Hilfen für die Kleinen.

Antje Sirleschtov
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Harald Christ

BerlinEine Heuschrecke? Ausgerechnet so einer, der sich – frei nach Franz Müntefering – als Finanzinvestor in Unternehmen einkauft, ihnen das Blut aussaugt und sie dann wieder ausspuckt, soll Platz nehmen am Kabinettstisch, wenn die SPD die Bundestagswahl gewinnt und Frank-Walter Steinmeier Bundeskanzler wird?

Natürlich nicht. „Ich war noch nie eine Heuschrecke“ sagt Harald Christ über sich. Zwar hat der 37-jährige Finanzmanager sein Millionenvermögen in den vergangenen Jahren ausschließlich in internationalen Immobilien-, Schiffs- und Unternehmensbeteiligungen und auch in Bankvorständen verdient – also ausgerechnet in der Branche, die die Welt gerade erst in eine ungekannte Wirtschaftskrise gestürzt hat. Er selbst jedoch, sagt Christ, habe niemanden ausgesaugt, habe langfristig investiert, „nur mit eigenem Geld“. Eine gute Heuschrecke also im Kompetenzteam von SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier.

Dort soll Christ die Interessen des deutschen Mittelstandes vertreten. Am Deutschland-Plan des Kandidaten Steinmeier hat er schon mitgearbeitet. Und wenn die SPD nach dem 27. September regiert, wovon Christ selbstverständlich fest ausgeht, dann will er auch politische Verantwortung übernehmen. Als Wirtschaftsminister wahrscheinlich nicht. Wohl eher als Mitarbeiter im Kanzleramt. Denn genau dort will Steinmeier die Interessen der Unternehmen, die 90 Prozent der deutschen Jobs stellen, in einer Stabsstelle verankern. Was Harald Christ auch „gut und notwendig“ findet. Denn „da unten“, sagt er, sei „die Unzufriedenheit groß“. Weil sich Politik, gerade in der Krise, viel zu sehr mit der Rettung der großen Unternehmen befasst und die kleinen sträflich vernachlässigt habe. Nun bräuchten die Mittelständler rasch mehr Kredite, sagt Christ. Und wenn die Banken nicht dazu bereit seien, dann müsse eben die Bundes-Förderbank KfW selbst tätig werden. Und der Bürokratieabbau, auch der müsse vorangetrieben werden.

Christ, in Worms aufgewachsen, stieß als ehrgeiziger Teenager an die sozialen Barrieren der Gesellschaft. Als Sohn eines Opel-Arbeiters und einer Hausfrau, ohne Abitur und Studium, passte er nicht in die Laufbahn der feinen Deutschen Bank, sein Lebenstraum. Er versuchte es bei der SPD, wollte „gehört werden“, wurde Juso-Chef in Worms. Und kämpfte sich über allerlei Umwege doch noch in die Finanzbranche hinein. Millionen machte er schließlich, als er in den Finanzdienstleister HCI einstieg, der zum richtigen Zeitpunkt am Finanzmarktboom verdiente und den Christ dann an der Börse verkauft hat. 80 Millionen Euro sei er seither schwer, sagen die einen, 200 Millionen andere. Er selbst spricht „nicht gern über dieses Thema“. Passt ja auch irgendwie nicht so gut zu einem, der sich seit seinem 16. Lebensjahr in der SPD engagiert.

Und damit nicht genug, auch anderes an Harald Christ will nicht so recht ins Klischee passen. Da wäre seine Einstellung zum Mindestlohn, einem Herzensthema seiner Partei: Der Unternehmer Christ war lange Zeit davon überzeugt, dass ein solcher Lohn schädlich für Unternehmen, Beschäftigung und Wachstum sei. Nun ist das Kompetenzteam-Mitglied Christ davon überzeugt, dass aus Mindestlöhnen Binnennachfrage und damit Wirtschaftswachstum entstehen, weshalb sie zu begrüßen seien. Und auch die Steuern will Christ nun nicht mehr unbedingt senken, was er vor einem Jahr noch dringend wollte. In seiner Partei wissen sie schon, dass der Genosse Harald manchmal inhaltlich nicht ganz beim Programm steht. Be- und auch anerkannt ist er trotz alledem.

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