Harald Martenstein : Das Leben ist verdächtig

Harald Martenstein macht sich Gedanken über den Pauschalverdacht - denn der trifft uns alle mal.

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Harald Martenstein
Harald MartensteinFoto: Promo

Ich habe gelesen, dass man Menschen nicht unter Pauschalverdacht stellen soll. Wer Menschen kontrolliert und es bei einer Menschengruppe für denkbar hält, dass sich auch gesetzlose und gefährliche Exemplare in dieser Menschengruppe befinden könnten, der geht von einem Pauschalverdacht aus. Wenn zum Beispiel ein Einreisewilliger an der Grenze erscheint und keine Papiere vorzeigen kann, dann sollte man nicht den Verdacht hegen, dass dieser Mensch etwas zu verbergen hat. Das wäre nämlich ein Pauschalverdacht.

Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass ich ein Leben im Zeichen des Pauschalverdachts geführt habe, mein Leben lang bin ich pauschal verdächtigt worden. In der Schule wurden wir ständig kontrolliert, mithilfe von Klassenarbeiten, oder man wurde sogar abgefragt – das war wie ein Verhör! Die Lehrer hatten den Pauschalverdacht, dass wir Schüler den Stoff nicht drauf haben, obwohl es für diesen Verdacht nicht den geringsten konkreten Anlass gab.

An der Grenze musste ich jahrzehntelang den Ausweis zeigen, manchmal haben sie sogar den Koffer durchsucht. Dabei ist es eine Tatsache, dass mehr als 95 Prozent der Reisenden harmlose Touristen oder Geschäftsreisende sind, nur eine winzige Minderheit schmuggelt Waffen oder Heroin. Trotzdem werden alle diskriminiert. An den Flughäfen erlebt der Pauschalverdacht natürlich seinen traurigen Höhepunkt, wenn alle Passagiere Durchleuchtungen des Handgepäcks oder sogar Abtasten über sich ergehen lassen müssen. Nachweislich explodieren weniger als 0,01 Prozent aller Flugzeuge, also, was soll das? Wenn sie die Kontrollen abschaffen, werden garantiert immer noch mehr als die Hälfte aller Passagiere lebend ihr Ziel erreichen.

Wir sind alle gut - und trotzdem immer ein bisschen verdächtig

Das Finanzamt hält jeden von uns pauschal für einen Steuerbetrüger und führt Prüfungen durch, eine Unverschämtheit eigentlich. Vorm Fußballstadion werden wir alle pauschal für Hooligans oder Terroristen gehalten und müssen uns in die Taschen gucken lassen. Es wäre viel gerechter, abzuwarten, wer im Stadion tatsächlich eine Bombe wirft, das ist dann nämlich tatsächlich ein Täter und die 99,999 Prozent Unschuldigen würden nicht unnötig belästigt. Sicher, es könnte Tote geben, aber erstens sterben wir sowieso irgendwann alle, und zweitens sterben viel mehr Menschen im Straßenverkehr, wobei es da leider auch eine Tendenz zum Pauschalverdacht gibt, ich sage nur: Führerscheinkontrollen.

Der Mensch ist gut, zu 99,999 Prozent. Er muss sich keinen Pauschalverdacht gefallen lassen. Jeder von uns sollte nur mal ehrlich in sich hineinschauen, da findet man nichts als Güte, Aufrichtigkeit und Liebe zum Mitmenschen. Vor allem sich selbst gegenüber darf man auf keinen Fall einen Pauschalverdacht zulassen.

Pierre Baigorry (alias Peter Fox) hat sich über Harald Martensteins Kolumnen geärgert. Jetzt haben die beiden sich getroffen und ein Streitgespräch geführt - über die S-Bahn, Steuern und den Umgang mit Kritik. Lesen Sie das Gespräch im E-Paper oder der gedruckten Ausgabe des Tagesspiegel am Sonntag - oder im digitalen Kiosk Blendle.