Harald Martenstein über Erdogan : Der türkische Präsident will's wissen

Zwei bis drei Menschen zeigt Erdogan pro Tag wegen Beleidigung an. Die Frage ist, wer nach all den Schmähungen sucht. Eine Glosse.

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Recep Tayyip Erdogan beschäftigt sich viel mit Beleidigungen seiner Person.
Recep Tayyip Erdogan beschäftigt sich viel mit Beleidigungen seiner Person.Foto: dpa

Etwa 2000 Personen hat der türkische Präsident Erdogan in den vergangenen zwei Jahren wegen Beleidigung juristisch verfolgen lassen. Mit anderen Worten, an jedem Tag geht die Sonne auf und zwei bis drei Menschen werden von Erdogan wegen Beleidigung angezeigt. Meist sind es Türken. Aber er arbeitet auch international.

Jüngster verfolgter Erdoganbeleidiger war bisher ein 13-jähriges Kind. Originell ist der Fall eines Arztes, der dafür angeklagt wurde, dass er mithilfe von Fotos eine Ähnlichkeit zwischen dem Präsidenten und einer Figur aus den Fantasy-Epos „Herr der Ringe“ nachgewiesen hat.
Drei Klagen pro Tag? Nein, mehr, an Feiertagen nehmen die Gerichte ja keine Klagen an. Es müssen drei bis vier Klagen pro Werktag sein. Ich frage mich, wie das praktisch vonstatten geht. Ein Präsident kann unmöglich von morgens bis abends im Netz surfen und Facebook-Seiten kontrollieren, um nach Schmähungen seiner Person zu suchen.

Er muss also eine Gruppe von Mitarbeitern haben, deren Job darin besteht, überall auf der Welt beleidigende Äußerungen über ihren Chef zu sammeln. Vielleicht ist es eine Sonderabteilung des Geheimdienstes. Dann muss entschieden werden, welche Schmähung juristisch verfolgt wird, es gibt nämlich garantiert mehr als vier erdogankritische Äußerungen pro Tag auf der Welt. Allein in den deutschen Medien wird Erdogan täglich mindestens 20 Mal kritisiert.

Irgendwer muss aus den Schmähungen und der Kritik eine Auswahl treffen, eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Vielleicht tut das der Premierminister. Die Entscheidung, wer verfolgt oder, in der Türkei, sofort verhaftet wird, kann eigentlich nur der Präsident selber treffen. Etwas so Persönliches delegiert man nicht gern.

Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein.
Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein.Foto: picture alliance / dpa

Jetzt sitzt also der Präsident der Türkei in seinem riesigen neuen Palast, vermutlich im Arbeitszimmer, oder einem Extrazimmer, das nur diesem Zweck dient. Er liest eine Schmähung nach der anderen, jedes Mal muss er sich darüber Gedanken machen. Ist er allein? Hat er einen Adjutanten dabei? Berät ihn seine Frau Emine?

„Hm“, sagt er, „hier steht, ich sei ein Hund mit nur einem Hoden, den Kerl greifen wir uns sofort. Da, ein Facebook-Kommentar, beim Gedanken an mich würde Atatürk sich im Grab umdrehen, na ja, den verhören wir einfach mal gründlich. Aber das hier, hört mal: Erdogan, dieses Tier.“ „Was für ein Tier?“, fragt der Adjutant. „Sagt er nicht.“ Erdogan steht auf, er geht umher. „Er gibt Tiere, die für Kraft, Mut und Schönheit stehen, der Falke zum Beispiel.“
„Das ist wieder mal ein ganz Schlauer“, sagt der Adjutant. „Und wenn er doch den Falken meint?“, fragt Emine. Erdogan setzt sich wieder. „Beobachten lassen. Tag und Nacht. Ich will wissen, welches Tier ich bin.“ So ähnlich muss es wohl sein.

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