Politik : Hart gegen die sanfte Medizin

Naturarznei soll nicht mehr erstattet werden – dabei schwört die Mehrheit der Deutschen darauf

Rainer Woratschka

Biggi Bender wirbt um Verständnis – auch und gerade bei ihrer eigenen Klientel. „Bei der Naturarznei standen wir allein auf weiter Flur“, klagt die Gesundheitsexpertin und Reformunterhändlerin der Grünen. SPD und Union hätten „keinerlei Bereitschaft gezeigt, sich hier noch zu bewegen“.

Damit bleibt ein Passus im Gesundheitskompromiss, der – wie zahlreiche Naturmedizin-Verbände befürchten – die so genannte sanfte Medizin ins Abseits befördern könnte. Künftig soll nicht verschreibungspflichtige Arznei nicht mehr von den Krankenkassen bezahlt werden. Das trifft nicht nur ein paar Erkältungs- und Kopfschmerzmittelchen, sondern fast alle homöopathischen, anthroposophischen und pflanzlichen Medikamente. „Damit ist ein Teil grüner Politik geköpft worden“, schimpft die baden-württembergische Grünen-Chefin Sylvia Kotting-Uhl. In einem Brandbrief haben Landesvorstand und Landtagsfraktion die Berliner noch im August zu Nachverhandlungen gedrängt. Vergeblich.

Dass den Südwest-Grünen das Thema am Herzen liegt, hat auch wirtschaftliche Gründe: Ein Drittel aller Naturarzneimittelhersteller ist dort angesiedelt. Doch die Baden-Württemberger argumentieren auch gesundheitspolitisch: Wenn Naturarznei nicht mehr erstattet werde, sei das „ein verheerendes Signal“. Bestraft werde, wer auf seine Gesundheit achte und weniger Kosten verursache. Schließlich seien Naturheilmittel meist deutlich günstiger als die der Schulmedizin. Nun drohe die Gefahr, dass Ärzte und Patienten „stärker zu Mitteln greifen, die teurer sind und mehr Nebenwirkungen haben“, sagt Kotting-Uhl. Eine Milliarde Euro soll die Herausnahme nicht verschreibungspflichtiger Medikamente aus dem Leistungskatalog bringen. Wenn die Naturarznei „durch teure Chemiehämmer ersetzt“ werde, könne es durchaus sein, dass „diese Rechnung nicht aufgeht“, meint die Grünen-Abgeordnete Bender.

Verschreibungspflichtig seien Medikamente nicht wegen ihrer Heil-, sondern ausschließlich wegen ihrer Nebenwirkungen, sagt Antonius Pollmann, Chef des Zentralverbands der Ärzte für Naturheilverfahren. Die Neuregelung sei „Schwachsinn“, der Bevölkerung würden gut verträgliche Arzneimittel vorenthalten. „Vieles wird vom Markt verschwinden“, befürchtet Barbara Wais vom Dachverband Anthroposophische Medizin. Dabei bestehe „Riesenbedarf“. 73 Prozent der West- und 64 Prozent der Ostdeutschen verwenden Naturarznei, ermittelte das Demoskopie-Institut Allensbach im Jahr 2002.

Fast schon verschämt verweisen die Grünen darauf, dass sie immerhin die Formel der „therapeutischen Vielfalt“ im Gesetzentwurf untergebracht hätten. Und Bender verspricht, mit Argusaugen auf den Bundesausschuss zu schauen, der bis 31. März seine Arzneimittelrichtlinien mit erstattungsfähigen Medikamenten verabschieden soll. Bei dem Ausschuss handle es sich zwar „auch nicht gerade um einen Hort der Anhänger von Naturheilmitteln“, gleichwohl werde man darauf achten, dass pflanzliche Mittel zum Zuge kämen. Für anthroposophische und homöopathische Mittel indessen scheint der Zug abgefahren. Weil sie sich nicht an Standards orientieren, sondern individuell verordnet werden, werden sie wohl kaum berücksichtigt. Benders Südwest-Grüne geben sich entsprechend resigniert. „Es ist leider ein schwarz-rotes Gesetz geworden“, sagt Kotting-Uhl, „mit nur ein paar grünen Pünktchen drin.“

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