Politik : Harte Realität oder Horrorszenario?

Studie prognostiziert steigende Kassenbeiträge – und verärgert das Ministerium

Rainer Woratschka

Berlin - Es ist ein ausgesprochen düsteres Bild, das der ergraute Professor vom Patienten Gesundheitssystem zeichnet. Die Politik, so sagt Fritz Beske, sei nun – zehn Tage nach der Wahl – „aufgefordert, jede Schönfärberei der Situation und der vorhersehbaren Entwicklung aufzugeben und die harte Realität anzuerkennen“. Auf den Punkt gebracht lautet die Prognose des Kieler Systemforschers: Die Krankenkassenbeiträge werden weiter steigen – und zwar ganz gewaltig.

Ein Grund dafür sei der medizinische Fortschritt, heißt es in Beskes Studie. Veranschlage man die dadurch steigenden Ausgaben auf nur ein Prozent pro Jahr, verdopple sich der Krankenkassenbeitrag bis 2050 auf 28 Prozent. Bei zwei Prozent Ausgabensteigerung lande man bereits bei 43 bis 44 Prozent. Und selbst wenn man nur die Bevölkerungsentwicklung ohne medizinischen Fortschritt zugrunde lege, steige der Beitragssatz von derzeit 14,2 auf 18 Prozent.

Hinzu komme die Last bereits bestehender Finanzierungs- und Versorgungsdefizite. So seien Früherkennungsuntersuchungen und Schutzimpfungsrate unzureichend. Würden sie von allen Berechtigten in Anspruch genommen, erhöhten sich die Kosten der Früherkennung um eine Milliarde, die der Impfungen um eine halbe Milliarde. Würden sämtliche Diabeteskranken – laut Beske rund zehn Prozent der Bevölkerung – qualitätsgesichert behandelt, würde dies die Ausgaben ebenfalls „erheblich steigern“. Ebenso wenn sich die Rate der Organtransplantationen und die Versorgung mit Hörgeräten erhöhen würde: In Deutschland warten derzeit 12000 Patienten auf eine Organtransplantation. Und die Fördergemeinschaft Gutes Hören schätzt, dass es in Deutschland rund 14 Millionen Schwerhörige gibt. Nur drei Millionen haben ein Hörgerät. Müssten die Kassen allen die 90 Prozent Zuschuss bezahlen, entstünden Zusatzkosten von neun Milliarden Euro. Des Weiteren sieht die Studie Vergütungsdefizite bei Vertrags- und Klinikärzten. Letzteren fehlen laut Marburger Bund bis zu 900 Millionen Euro. Den Investitionsstau in den Kliniken beziffert Beske für 2004 auf 29,1 Milliarden Euro „mit steigender Tendenz“. Der Grund sei die desolate Finanzsituation in Ländern und Kommunen.

Der Vorstandschef des AOK-Bundesverbands, Hans Jürgen Ahrens, begrüßt Beskes „Szenarien“ als Alarmsignal für die Politik, „effizienzsteigernde Reformen nicht auf die lange Bank zu schieben“. Allerdings distanziert er sich von den aus seiner Sicht allzu düsteren Prognosen. Medizinischer Fortschritt helfe auch sparen, sagt er – und nennt als Beispiel die 25000 Amputationen pro Jahr wegen fehlender Diabetes-Behandlung. Auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Köhler, bezeichnet die Prognosen als „zu pessimistisch“ – trotz „realistischer Beschreibung“ von Unterversorgung und Investitionsstau.

In den vergangenen 28 Jahren sei der durchschnittliche Beitragssatz nur von 11,3 auf 14,2 Prozent gestiegen, rechnet Ahrens vor – trotz medizinischen Fortschritts und Wiedervereinigung, deren Kosten die Versicherten hätten schultern müssen. „Wir kriegen das in den Griff“, verspricht der AOK-Chef, „aber nicht durch Nichtstun.“ Er nennt das Übliche: Prävention, Transparenz, mehr Wettbewerb, Verbreiterung der Einnahmebasis. Und die Selbstverwaltung der Kassen und Ärzte müsse „noch härter prüfen, was bezahlt werden muss und was rausfliegt“.

Das Gesundheitsministerium will von Beskes Rechnungen nichts wissen. Es handle sich um ein nicht gerechtfertigtes „Horrorszenario“ mit äußerst geringem Realitätsbezug, sagte Ministeriumssprecher Klaus Vater (siehe Kasten).

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