Politik : "Hat Israel noch eine Chance?": Adieu, mein altes Feindbild

Ralf Balke

Hermann L. Gremliza, seines Zeichens Herausgeber der linken Monatszeitschrift "Konkret", macht sich neuerdings Sorgen um den Staat der Juden: "Israel kämpft vielleicht zum ersten Mal seit seiner Gründerzeit wieder um seine Existenz." Ganz offensichtlich planen einige seiner Nachbarn Böses: "Der Heilige Krieg, an dem sich der Irak Saddam Husseins und der Iran der Ayatollahs als Finanziers beteiligen, findet seinen Sieg erst in der Liquidierung des Judenstaats und der Beseitigung der Juden." So lautet Gremlizas neue Erkenntnis. Gleichzeitig kündigt er der PLO, jahrzehntelang das Hätschelkind der deutschen Linken, die Freundschaft. Arafats Laden sei zu einer religiös-völkischen Bewegung mutiert und verdiene deshalb keine Sympathien mehr. Das PLO-Tuch landet in der Altkleidersammlung.

Man möchte sich die Augen reiben, ist es wirklich das linke Urgestein Hermann L. Gremliza, das schreibt? Auch die anderen Autoren bemühen sich um den Schulterschluss mit Tel Aviv und eine Analyse der Lage des Nahen Ostens, die ja gerade mal wieder so verworren ist. Doch vorweg erklingt erst einmal ein lautes mea culpa. Viel zu lange habe man die unter dem Deckmäntelchen des Antizionismus immer wieder aufbrechenden antisemitischen Tendenzen innerhalb der deutschen Linken ignoriert und Israel im eigenen Blatt mal als "Brückenkopf des Imperialismus", mal als "staatsförmiges Eingreifkommando der USA im Nahen Osten" gebrandmarkt.

Erklärungsnöte

Das war Kalte-Krieg-Phraseologie, und damit soll jetzt Schluss sein, heißt es reumütig. Im Bewusstsein der deutschen Vergangenheit und der zentralen Rolle Israels als einzigem Ort auf der Welt, wo Juden als Juden leben können, gelobt "Konkret" im Namen der deutschen Linken jetzt Besserung. Und man geriet in Erklärungszwang. Viele Leser des Blattes waren über diese plötzliche Kehrtwendung verwirrt. Weil die Zeitschrift neuerdings selbst seitenlange Darstellungen des israelischen Militärs zu den Ereignissen der Al-Aksa-Intifada abdruckt, machte sich in der Leserbrief-Rubrik Empörung breit. Ob "Konkret" neuerdings finanzielle Zuwendungen aus Israel erhalten würde, fragten nicht wenige nach.

Deshalb erschien "Hat Israel noch eine Chance?". Die neue Linie in Sachen Israel und Nahost sollte publizistisch unterfüttert werden. Die Qualität der Beiträge fiel dann auch recht unterschiedlich aus. Während Sylke Tempel, die Israel-Korrespondentin der "Woche", auf wenigen Seiten ein sehr differenziertes und detailliertes Bild von der PLO und der Selbstbedienungsmentalität ihrer Funktionäre zu zeichnen vermag, schwadronieren andere Autoren in unlesbarem Soziologendeutsch über "islamische Moral" und organisierte "kollektive Triebabfuhr" in der islamischen "Zwangsgemeinschaft".

Auf der Siegerseite

Dennoch ist das Buch interessant und lesenswert. Nicht etwa, weil es Neues über die Krisenregion vermittelt, sondern Einblicke in den Gemütszustand einer zutiefst orientierungslosen deutschen Linken. Irgendwie kann man sich bei der Lektüre dann auch nicht des Eindrucks erwehren, dass es ihnen eigentlich viel weniger um die Sache, als um sich selbst geht. Man möchte endlich einmal auf der Siegerseite in der Geschichte stehen, auf das richtige Pferd setzen. Und bei der Suche nach dem Guten und Bösen ist die deutsche Linke mal wieder im Nahen Osten gelandet. "Es gibt keinen einzigen demokratischen arabischen Staat", heißt es jetzt.

Nach früheren Solidaritätsbekundungen mit Gaddafis Libyen oder selbst mit Saddam Husseins Irak wird dieser Satz wie eine brandneue Erkenntnis gehandelt. Hieß der Feind früher Zionismus, so ist es nun die islamische Welt. Undifferenziertes PLO- und Hamas-Bashing ist angesagt. Als bestehe ein Wiederholungszwang, übt man sich in einer gnadenlosen Schwarz-Weiß-Sicht der komplizierten Dinge, die, nebenbei bemerkt, noch voller Fehler steckt.

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