Politik : Hatte auch Chirac geheime Konten?

Clearstream-Affäre in Frankreich weitet sich aus

Rudolf Balmer[Paris]

Die Clearstream-Affäre hat Frankreichs Staatspräsidenten Jacques Chirac erreicht. Die Wochenzeitung „Le Canard Enchaîné“ und das Magazin „L’Express“ publizierten am Mittwoch bisher unbekannte Auszüge der Aussagen des pensionierten Geheimdienstoffiziers General Philippe Rondot bei seiner langen Einvernahme durch die Untersuchungsrichter Henri Pons und Jean- Maire d’Huy. Danach besaß Chirac laut Nachforschungen des Geheimdienstes DGSE ein Konto bei der Tokyo Sowa Bank, dessen Guthaben sich auf rund 45 Millionen Euro belaufen habe. Das Konto sei 1992 eröffnet worden und dank „regelmäßiger Einzahlungen einer kulturellen Stiftung, deren Verwaltungsratsmitglied Monsieur Chirac war“, auf diesen Betrag angewachsen.

Der französische Staatspräsident ist bekannt als ein großer Liebhaber der japanischen Poesie und Kenner des Sumo-Ringkampfs. Nun stellt sich die Frage: Hatten seine häufigen Reisen ins Land der aufgehenden Sonne möglicherweise auch andere Hintergründe als diese kulturellen Interessen? Seit Jahren bereits zirkulieren die wildesten Gerüchte. Kein seriöser Journalist in Frankreich hätte sich aber unterstanden, sie zu publizieren. Mehrfach war auch von Bankguthaben in Japan die Rede und von Überweisungen zu seinen Gunsten aus der Zeit, als er Stadtpräsident von Paris war. Man wunderte sich, als sich Chirac 1994 dafür einsetzte, dass seinem japanischen Freund, dem Bankier Shoichi Osada, die Ehrenlegion verliehen wurde. 1996 wünschte die für ausländische Investitionen zuständige Behörde Datar Auskunft über die Tokyo Sowa Bank und deren Boss Osada, gegen den in seinem Land laut „Canard Echaîné“ heute wegen betrügerischen Bankrotts ein Verfahren läuft. Die Sowa Bank wurde übernommen. Was wurde dabei aus Chiracs angeblichen Millionen?

General Rondot sagte, seine Äußerungen würden in der Presse „verkürzt“ wiedergegeben. Der Präsident ließ die Sache mit dem Millionenvermögen in Japan „kategorisch“ dementieren. Chirac sprach vor Journalisten von „Respektlosigkeit“ und warnte: „Die Republik ist nicht die Diktatur des Gerüchts und der Verleumdung.“ Er stellte sich dabei auch hinter seinen umstrittenen Premierminister Dominique de Villepin. Mit einem Machtwort aus dem Elysée-Palast ist die Neugier der Medien dieses Mal aber nicht mehr zu bremsen. Der Skandal um die manipulierten Clearstream-Listen, mit denen zahlreiche französische Prominente, unter ihnen insbesondere Innenminister Sarkozy, diskreditiert werden sollten, hat eine Bresche in die sonst übliche Zurückhaltung geschlagen. Die französischen Sozialisten brachten am Mittwoch einen Misstrauensantrag gegen die Regierung de Villepin in der Nationalversammlung ein. Sie sehen die Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit der Regierung nicht mehr gegeben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben