Politik : Hatten wir damals auch nicht

-

Es ist bekanntlich nicht leicht, in diesen Zeiten dominanter Jugendlichkeit alt zu sein. Zumal der Begriff „alt“ im Grunde schon kurz nach dem Zentralabitur einsetzt: Kaum hat man fasziniert zehn Euro Taschengeld auf das erste Knax-Konto eingezahlt, da wächst man hinten aus der werberelevanten Zielgruppe von RTL schon wieder hinaus.

Was selten jemand sagt: Jung sein ist noch viel furchtbarer. Die heute 12- bis 17-Jährigen schwanken „zwischen Himmel und Hölle“, teilt uns das Frankfurter Rheingold-Institut unter Berufung auf eine tiefenpsychologische Studie mit; sie verlören die Orientierung im Dilemma zwischen Versorgungsparadies und Zukunftsängsten.

Die Schuld an dieser Entwicklung tragen übrigens wir Eltern, da wir uns weigern, den Platz drunten in der Alterspyramide rechtzeitig freizugeben. Ein Beispiel: Wir sind damals an der Tatsache gewachsen, dass unsere Eltern die Beatles für gefährliche Krachmacher gehalten haben und die Stones für das Ende der Welt. Eine Quelle höchst produktiver Streitereien!

Doch was teilen wir heute unseren Kindern mit? Dass die zweite Platte der Arctic Monkeys wie die erste klinge und dass das echt uncool sei. Wie soll da eine eigene Lebensperspektive zustande kommen? Gibt es Schlimmeres als einen Vater, der fragt, ob er vom Dealer ein paar Gramm Afghanen mitbringen soll, zumal, wenn dieser Vater ein verranztes T-Shirt mit der Aufschrift „Fuck You!“ trägt? Im Kopf des betroffenen Kindes kann sich da nur apokalyptische Leere ausbreiten.

Leider vermag die Studie keinen rechten Weg aus diesem Dilemma zu weisen. Schlips und Kragen, Marschmusik und Ohrfeigen – das wäre dann doch etwas sehr retro gedacht. Das Institut gibt stattdessen abstraktere Empfehlungen, rät zu Aufklärung, klaren, erwachsenen Positionen und schonungsloser Ehrlichkeit: „Träume und Zukunftsbilder als Alternative zum Konsumklima.“

Klingt nicht einfach. „Auch deine Eltern haben damals heimlich deutsche Schlager gehört.“ Könnte die Augen öffnen. Oder schonungslose Ehrlichkeit: „Ja, du erbst das Ferienhaus auf Sylt. Aber dann wird es längst im Meer versunken sein.“ Oder klare Ansagen gegen das Konsumklima: „Nein, du kriegst nicht schon wieder eine neue Playstation, so was hatten wir damals auch nicht!“

Das allerdings würde voraussetzen, dass wir selbst auf die neue Playstation verzichten. Und das ist verdammt schwer. Denn wer mit solchen Geräten nicht umgehen kann, der ist alt. Und das ist fast genauso schlimm, wie jung zu sein.

GroKo, Jamaika oder Minderheitsregierung? Erfahren Sie, wie es weitergeht - jetzt gratis Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben