Politik : Hauptrolle zu vergeben

Wer soll den Irak führen? Im Gespräch sind ein umstrittener Geschäftsmann, ein Ayatollah, ein gemäßigter Kurde

Birgit Cerha[Beirut]

Die Iraker sollen sich am besten selbst regieren. Das wiederholen der amerikanische Präsident George W. Bush und der britische Premier Tony Blair immer wieder. Viele Beobachter stellen sich deshalb seit Wochen die unbehagliche Frage, welche Iraker damit gemeint sein könnten. Dass Washington bis heute selbst keine klare Antwort darauf fand, lässt die Verwirrung erkennen, die sich um ein im Süd-Irak geplantes Oppositionstreffen rankt.

Ein Sprecher des US-Außenministeriums dementierte am Donnerstag die Ankündigung des Vizepräsidenten Dick Cheney vom Vortag, dass irakische Oppositionsgruppen bereits am Samstag in Nassirijah gemeinsam mit amerikanischen Politikern über die Zukunft des Landes beraten würden. Ein solches Treffen sei nicht unmittelbar geplant, und wenn, dann keinesfalls in Nassirijah.

Gegen Nassirijah als Versammlungsort spricht, dass dieser südirakische Ort die Geburtsstadt von Ahmed Chalabi ist. Chalabi ist der Anführer des in London ansässigen „Irakischen Nationalkongresses“ (INK). Die Einberufung einer Konferenz in seinem Heimatort würde diesem bei Exil-Irakern höchst umstrittenen Geschäftsmann enormen Auftrieb geben. Das wollen seine Gegner unbedingt verhindern.

Chalabi sollte nach den Wünschen seiner Anhänger und der ihn unterstützenden Amerikaner zum Chef eines Konsultativrates gewählt werden, aus dem sich schließlich eine irakische Interimsregierung bilden sollte. Dieser Plan wird von den amerikanischen „Falken“ wie Cheney und vom US-Verteidigungsministerium intensiv gefördert, dem der als Chef der US-Interims-Verwaltung designierte Ex-General Jay Garner untersteht. Die Falken hatten auch die Rückkehr Chalabis an der Spitze eines Kontingents von 700 irakischen Exil-Kämpfern nach Nassirijah am vergangenen Sonntag organisiert, damit sich Chalabi so rasch wie möglich eine eigene Hausmacht im Irak aufbaut.

Doch der 58-jährige Sohn einer reichen schiitischen Bankiersfamilie, der seit 30 Jahren im Exil lebte, ist bei den Irakern selbst heftig umstritten. Im US-Außenministerium wie beim Geheimdienst CIA hält man Chalabi nicht für integer und traut ihm nicht zu, dass er die Fähigkeit besitzt, den Irak zur Demokratie zu führen. Seine Anhänger in den USA unterstützen Chalabi, weil er eine pro- westliche Haltung mit seinem irakischen Hintergrund verbindet.

Chalabi studierte in den USA, bevor er in London eine Software-Firma gründete. Er gilt als Meister des Lobbyings. Er hat sich schon lange eine starke Unterstützung im US-Kongress erarbeitet. Seine Gegner aber halten ihn für einen Opportunisten, dem jegliche Erfahrung im Irak selbst fehlt. Sie verweisen dabei auf seinen höchst zweifelhaften Ruf als Geschäftsmann. In Jordanien droht Chalabi wegen eines Finanzskandals eine 22-jährige Haftstrafe. Zudem schiebt man nun ihm die Hauptverantwortung dafür zu, dass die USA offensichtlich den irakischen Widerstand völlig falsch eingeschätzt hatten. Im Irak selbst ist Chalabi weitgehend unbekannt.

Doch nach 30 Jahren brutaler Diktatur zeichnet sich im Irak selbst vorerst keine klare nationale Führungspersönlichkeit ab. Um ein einigermaßen glaubhaftes irakisches Führungsteam auf die Beine zu stellen, müssen sich die USA aber auf Persönlichkeiten stützen, die unter der schiitischen Bevölkerungsmehrheit starken Rückhalt genießen. Auch die Zustimmung der Kurden, die etwa 25 Prozent der Bevölkerung stellen, gilt als entscheidende Hürde. Damit gerät Washington in ein Dilemma. Denn der weitaus populärste Schiitenführer stand lange Jahre auf Washingtons schwarzer Liste: Ayatollah Bakr al Hakim. 1991 hatte er von seinem iranischen Exil aus entscheidend den Aufstand der Schiiten gegen Saddam mitgetragen. Hakim hat sich zwar längst von dem Ziel einer Islamischen Republik nach iranischem Vorbild distanziert. Doch er stellte unterdessen mehrfach klar, dass er keinesfalls eine amerikanische Militärverwaltung in Bagdad dulden wolle. Wenn nötig, werde er sie auch mit Waffen bekämpfen, sagte er. Hakim genießt die Unterstützung des Iran und kommandiert die etwa 15 000 Mann starken Badr-Brigaden. Ihn in ein irakisches Gremium einzubinden, ist nach Ansicht politischer Beobachter für die Stabilität des neuen Irak von entscheidender Bedeutung.

Ein anderer Schiitenführer wurde am Donnerstag nach Angaben seiner Anhänger ermordet: Abdel Madschid al Choei sei in einer Moschee im Wallfahrtsort Nadschaf von mehreren Männern mit Messern angegriffen und getötet worden. Er war erst vor zwei Wochen aus zwölfjährigem Londoner Exil in die Heimat zurückgekehrt.

Eine wichtige Rolle in einem neuen Gremium kommt auch dem Führer der „Kurdischen Demokratischen Partei“ (KDP), Massoud Barsani, zu. Barsani hatte sich besonders als Vermittler zwischen den zerstrittenen Oppositionsgruppen hervorgetan. Dass die Gruppen sich überhaupt auf eine Plattform für den neuen Irak einigen konnten, ist in weiten Teilen seinem mäßigenden und vermittelnden Einfluss zu verdanken.

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