Hauptstadt : Ist Berlin nicht selbstsicher genug?

Man gewinnt den Eindruck, dass sich die Berliner ihrer großen Rolle nicht so sicher sind. Warum nicht das Motto der Bayern übernehmen? Ein Kommentar

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Damals: 1997 thronte die Quadriga auf dem Brandenburger Tor vor der noch unfertigen Reichstagskuppel.
Damals: 1997 thronte die Quadriga auf dem Brandenburger Tor vor der noch unfertigen Reichstagskuppel.Foto: dpa

Berlin ist Hauptstadt, ohne Frage. Kein Mensch, der halbwegs bei Sinnen ist, stellt dies infrage. Ja, es gab Zeiten, da war die Rolle der ehemals geteilten Stadt als Sitz von Bundestag und -regierung heiß umstritten. Aber das ist lange her, und viele Politiker, die es am Rhein so schön fanden, fühlen sich heute in Berlin pudelwohl. Seit 2006 ist die Hauptstadtfunktion im Grundgesetz verankert, der Bund finanziert mit einigen hundert Millionen Euro jährlich das kulturelle Erbe Preußens und des Deutschen Reiches. Der Bund zahlt die Kanzler-U-Bahn, Linie 5, und beteiligt sich an den Kosten der hauptstadtbedingten Sicherheit. Die Staatsgäste sind gern in Berlin, selbst wenn sie Zoff mit Angela Merkel haben.

„Mir san mir“ lässt sich schwer ins Preußische übersetzen

Also, was wollen die Berliner noch? Mal wieder nicht zufrieden, wie immer? Nein, die Hauptstädter haben hier und da noch was zu meckern, es gibt Nachbesserungsbedarf. An erster Stelle steht der Umzug der restlichen Bundesministerien von Bonn nach Berlin. Das wird auch kommen, mit oder ohne den Segen Nordrhein-Westfalens. Zweitens muss die Hauptstadtrolle, wie im Grundgesetz versprochen, endlich durch ein Bundesgesetz im Detail ausgefüllt werden. Und solange das nicht passiert, muss der Bund „sein“ Berlin auskömmlich finanzieren. Das hat er, trotz des großen Engagements im kulturell-repräsentativen Bereich, bisher nicht getan. Das gilt für den Ausbau der hauptstädtischen Infrastruktur und der inneren Sicherheit, aber auch für Bildungseinrichtungen und die Justiz.

Ab und zu gewinnt man leider auch den Eindruck, dass sich die Berliner ihrer großen Rolle selbst nicht so sicher sind. Die neue Diskussion über eine Verankerung der Hauptstadtfunktion in der Landesverfassung weist darauf hin. Eine solche Selbstvergewisserung kann zwar nicht schaden, vielleicht löst eine Verfassungsänderung sogar neue, kreative Diskussionen aus. Sonst aber darf (und sollte) die deutsche Hauptstadt ihre Aufgaben gegenüber Bund und Ländern locker und selbstbewusst erfüllen. „Mir san mir“ sagen die Bayern. Das lässt sich schwer ins Preußische übersetzen, übernehmen wir es doch einfach im Wortlaut.

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