Politik : Hauptstadtkultur: Die Braut wird abgeschmückt (Leitartikel)

Hermann Rudolph

Unversehens, fast über Nacht hat sich die vielleicht folgenreichste Veränderung vollzogen, seitdem Berlin Hauptstadt ist; es hat nur keiner gemerkt. Eigentlich ist es ein richtiger kleiner politischer Bergrutsch. Die beiden Kultur-Musketiere Naumann und Stölzl, die ausgezogen waren, Politik zu machen, haben den gordischen Knoten, der Berliner Kulturfinanzierung heißt, nach anfänglichem Zupfen einfach zerschlagen. Vier Institutionen des Berliner Kulturlebens werden künftig allein vom Bund finanziert. Damit büßt die Stadt ihre Obhutschaft für Einrichtungen ein, mit denen sie seit Jahrzehnten kulturell gestrahlt hat. Und der Bund setzt seinen Fuß kühl in die geheiligte Sphäre des Kulturföderalismus.

Haben wir das eigentlich gewollt? Natürlich, Berlin muss die Beteiligung des Bundes an seinem Kulturbetrieb anstreben. Aber war damit gemeint, dass nun der Bund allein beispielsweise die Berliner Festspiele betreibt und den Gropiusbau bespielt? Dass er sich also als ein bedeutender Veranstalter in Berlin etabliert, während Berlin auf den Kosten seiner Opernhäuser und Theater sitzen bleibt, derentwegen das Land eigentlich nach der Hand des Bundes gegriffen hat? Denn Berlin wird zwar in den Gremien der neuen Bundes-Einrichtungen mitreden können, aber - daran hat Naumann keinen Zweifel gelassen - nichts mehr zu sagen haben. Wer zahlt, schafft an. Wer nicht zahlt...Der Schluss liegt auf der Hand.

Etwas anders hatte man sich das erwünschte kulturelle Engagement des Bundes denn doch gedacht. Zugegeben, sehr präzise waren die einschlägigen Vorschläge nicht. Ein Opernhaus an den Bund? Radunskis National-Theater? Aber alles in allem genommen gingen die Erwartungen doch dahin, dass die Stadt ihre Vorzeige-Objekte nicht verlieren, aber finanzielle Entlastung gewinnen würde. Da und dort dachte man auch an eine subtile Fortentwicklung des Föderalismus, mit der Bund und Länder einträchtig die Hauptstadt zu neuem kulturellen Glanz bringen würden. Herausgekommen ist eine Verlagerung der kulturellen Potenzen vom Land auf den Bund, die es in sich hat. So entschieden hat in Berlin kulturpolitisch bisher nur ein gewisser Helmut Kohl gehandelt, als er die Stadt mit Gedenkstätte und Mahnmal auszustatten begann.

Das ist der erste Blick auf die Szene, die Naumann und Stölzl so erfolgreich umgestellt haben. Was ergibt der zweite? Einerseits: Das Drängen Berlins nach Beteiligung des Bundes an der Finanzierung seiner Kultureinrichtungen zog seine Legitimität daraus, dass ein Äquivalent für die Unterstützung notwendig war, die die Stadt vor 1989 auf dem Wege der Zuweisung erhielt und im Zuge der Normalisierung ihres Status einbüßte. Nun ist aus diesem Ausgleich eine Enteignung an kultureller Einflussnahme geworden. Andererseits: Es war eine schöne Selbsttäuschung, dass dies alles Berliner Einrichtungen seien. Sie waren immer schon anteilig vom Bund finanziert, nicht wegen der schönen Augen der Berliner, sondern wegen des gesamtstaatlichen Interesses, das der Bund zu Vier-Mächte-Zeiten nicht direkt geltend machen konnte.Was die Berliner als ihre Kultur betrachteten, besaßen sie zum guten Teil nur als Treuhänder für jene abhanden gekommene Hauptstadt, die nun zurückgekehrt ist. Nun macht der Bund sein Engagement sichtbar. Was ist dagegen einzuwenden?

Etliches schon. Der glatte Schnitt zwischen Bund und Berlin mag praktische Vorzüge versprechen. Aber kann er wirklich die Quintessenz des Kulturföderalismus sein, den wir wünschen? Altbundespräsident Richard von Weizsäcker hat eben in einer bemerkenswerten Rede zur Behutsamkeit beim Streit um die Hauptstadt-Kultur gemahnt. Auf den Gedanken, dass der Bund Berlin bei wichtigen Einrichtungen aufs Altenteil schicken könne, ist er nicht gekommen. Er hat vielmehr die Kultur in der Hauptstadt und in den Ländern in Beziehung gesetzt und dafür geworben, dass die Bundesländer an der Berliner Kultur Anteil nehmen, in welcher Gestalt auch immer. Die Beteiligung des Bundes an der Finanzierung der Kultur in Berlin hätte in der Tat die Chance geboten, die Länder mit ins Boot zu holen und damit den Kulturföderalismus zu stärken. Nun haben wir ein Paradigma fast für das Gegenteil.

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