Haus zugesprochen : Polnisches Gericht gibt Spätaussiedlerin Recht

Das polnische Boulevardblatt „Fakt“ springt seine Leser in großen Lettern an: „Deutsche hat Polen vertrieben“. Die Geschichte dahinter: Zwei polnische Familien müssen ihr Haus räumen, das ein Gericht in Masuren der deutschen Spätaussiedlerin Agnes Trawny übertragen hat.

Knut Krohn[Warschau]

„Wir sind es, die den Krieg gewonnen haben. Und hier kommt irgendeine Deutsche, nimmt das Haus und schmeißt die polnischen Familien raus“, ereifert sich der Kommentator.

Doch selbst dieser Meister der Vereinfachung muss seinen Lesern dann doch noch erklären, dass die Wahrheit weitaus vielschichtiger ist. Denn die Kläger sind nicht Vertriebene, die während des Krieges auf der Flucht ihr Hab und Gut im ehemaligen Ostpreußen zurücklassen mussten. Es sind Spätaussiedler, die das Land vor allem in den 70er Jahren unter dem Druck des damaligen Regimes verlassen hatten. Da die Behörden seinerzeit offensichtlich davon ausgingen, dass der Kommunismus eine Sache für die Ewigkeit sei, änderten sie nicht einmal die Grundbücher. Ein schweres Versäumnis, wie sich nun zeigt. Denn jetzt können die Spätaussiedler nach polnischem Erbrecht ihr Eigentum zurückfordern.

Die Bewohner des Hauses im masurischen Szczytno fühlen sich vom polnischen Staat inzwischen mehrfach im Stich gelassen. Als die Klage der Deutschen Agnes Trawny bereits im Jahr 2005 erfolgreich war, schimpfte der damalige nationalkonservative Premier Jaroslaw Kaczynski auf die Deutschen und die eigene Justiz. Schließlich musste aber auch er erkennen, dass polnische Gerichte unabhängig urteilen und das Versäumnis in diesen Fällen auf der eigenen Seite zu suchen ist. Dann versprach er den Bewohnern unbürokratisch und medienwirksam neue Wohnungen. Diese Hilfe traf allerdings nie ein, die Angelegenheit wurde von den selbst ernannten Kämpfern für die polnische Heimat dann schlicht vergessen.

„Ich lebe seit 33 Jahren hier“, erklärt einer der Bewohner in Szczytno enttäuscht. „Ich habe Miete gezahlt und das Haus in Schuss gehalten. Ich gehe nicht weg.“ Agnes Trawny hält dagegen, es sei das Haus ihrer Familie, das ihr „von den Kommunisten gestohlen“ worden sei. Selbst der Kommentator von „Fakt“, der in Sachen Deutschland gerne auf der Klaviatur der nationalen Empörung spielt, kann sich dieser Argumentation nicht entziehen. Der größte Skandal sei es, schreibt er, dass „der polnische Staat den Menschen keine anderen Häuser gibt“.

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