Politik : Havel: Chance der Versöhnungserklärung gemeinsam nutzen

Rede des tschechischen Präsidenten im Bundestag / "Großes Werk der europäischen Vereinigung vollenden" BONN (sks).Der tschechische Staatspräsident Vaclav Havel hat die Deutschen dazu aufgerufen, die im Januar unterzeichnete Versöhnungserklärung als eine "wahrhaft historische Chance" für das Zusammenleben beider Völker im zusammenwachsenden Europa zu begreifen.Vor dem Bundestag warnte er am Donnerstag in Anwesenheit von Bundespräsident Herzog und Bundesratspräsident Teufel zugleich davor, die Erklärung als einen "Zauberstab" anzusehen, der alle Schwierigkeiten auflösen und "Schatten der Vergangenheit" vergessen machen könne.Havel sprach als erster Repräsentant Tschechiens vor dem Bundestag. In seiner nachdenklichen, immer wieder von Beifall unterbrochenen Rede zollte der tschechische Staatspräsident jenen Hochachtung, die in vergangenen schweren Zeiten verfolgt und gedemütigt worden seien und gleichwohl heute das Versöhnungswerk zwischen Deutschen und Tschechen unterstützt hätten.Sicher könnten jene Zehntausende nicht wieder ins Leben zurückgerufen werden, die Opfer nationalsozialistischen Rassenwahns geworden seien; auch könne die tschechische Republik den Heimatvertriebenen nicht wiedergeben, was ihnen genommen worden sei."Nicht Gutzumachendes kann nicht gutgemacht werden", sagte Havel.Aber die Versöhnungserklärung habe beide Völker "frei gemacht" und damit in die Lage versetzt, aus der Geschichte zu lernen, um damit für die Zukunft zu arbeiten.Es gehe darum, jetzt ein neues Klima zu schaffen für ein dauerhaftes Zusammenleben. Havel warnte vor Worten wie "Schlußstrich" - was nichts anderes bedeute, als Böses vergessen zu machen -; oder "Recht auf Heimat" - was in Tschechien als "schlichter territorialer Anspruch" interpretiert werde.In philosophischen Sentenzen interpretierte der tschechische Präsident den Begriff "Heimat" als "das Gegenteil einer geschlossenen Struktur"; "Heimat" sei vielmehr "ein Raum, der sich öffnet und Menschen verbindet".Wer sich unter dem Begriff von anderen abschotte und isoliere, öffne Fremdenfeindlichkeit und Rassismus Tür und Tor.Dies zu begreifen, helfe mit, künftig auch Europa zu gestalten als "eine gemeinsame Heimat der Heimaten".Auf dieser Basis, rief Havel die Bürger auf, sollte "das große Werk der europäischen Vereinigung" vollendet werden. Havel ist nach den Präsidenten Reagan (USA), Mitterrand (Frankreich), Weizman (Israel) und Mandela (Südafrika) der fünfte Staatsmann, der vor den Abgeordneten des Bundestags sprach.Er war von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth begrüßt worden.Sie erinnerte an das "unendliche Leid", das beide Seiten einander in der Vergangenheit zugefügt hätten.Aber "die Leidtragenden der Vergangenheit können die Brückenbauer der Zukunft sein", fügte sie hinzu und plädierte dafür, die Sudetendeutschen "an vorderster Stelle" in den sich intensivierenden Dialog zwischen beiden Völkern einzubeziehen. Ranghohe Vertreter der Föderation der jüdischen Gemeinden in Tschechien hatten es abgelehnt, zusammen mit Havel nach Bonn zu kommen.Sie wollten damit ihre Unzufriedenheit mit der ihrer Auffassung nach unzureichenden Lösung einer Entschädigung von Opfern des Holocaust betonen.

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