Politik : Heikle Reden: Bewältigung durch Abgrenzung

Robert Birnbaum

Von den drei heiklen Reden, die die CDU-Chefin Angela Merkel in diesen Tagen gehalten hat, ist dies womöglich die heikelste: Erst die Rede zur deutschen Einheit neben Helmut Kohl im Tränenpalast, dann die Rede zur Einheit der CDU mit Helmut Kohl im Haus der Wirtschaft. Und nun zum Abschluss die Rede über Wolfgang Schäubles neues Buch. Dies sei keine Abrechnung mit irgend jemandem, wird Schäuble im Lauf des Abends versichern. Aber jeder im Saal des Kempinski-Hotels weiß, dass das so nicht stimmt: Das Buch, das er selbst einen Bericht nennt, ist der Rechenschaftsbericht des Parteivorsitzenden Schäuble über seine kurze, so turbulente Amtszeit.

An diesem Donnerstagabend geht sie endgültig zu Ende. "Geschehen ist geschehen. So hart es ist", sagt Merkel. Sie kleidet ihre Laudatio ebenfalls in einen Bericht: Einen Bericht darüber, wie die CDU-Vorsitzende bei einem Spaziergang in der Uckermark von der Überzeugung, sie könne dieses Buch wegen Befangenheit nicht vorstellen, zu der Ansicht kommt, sie könne es doch. Eben weil auch sie das Buch als Rechenschaftsbericht liest: "Es dient dazu, diese Erfahrung für den Autor persönlich zu bewältigen" - und, fügt sie hinzu: "für die Partei, der er angehört".

Das Buch heißt "Mitten im Leben", ist aber in Wahrheit ein Schlusspunkt, seine Vorstellung ist es auch. Schäuble selbst, der das Opfer der Krise geworden ist, erklärt sie für beendet: Die Union sei schon wieder mehrheitsfähig, sagt er. Und wünscht den Nachfolgern alles Gute: Merkel, Friedrich Merz, Edmund Stoiber. Welche Rolle ihm bleibt? Angela Merkel weist sie ihm mit seinen eigenen Worten zu: Die des Sisyphos, der unermüdlich den Stein den Berg hinaufrollt. "Und der Zukunft zugewandt" hieß vor einigen Jahren das Buch, in dem Schäuble sich selbst als derart Unverdrossenen beschrieb. Damals war das kokett.

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