Politik : Heile Welt und böse Börse

CDU-Rebellen streiten über Gerechtigkeit

Robert Birnbaum

Berlin - Geißlers Hand zuckt schon wieder nach links. Links von ihm sitzt der Moderator Ulli Jörges, und der hat das Mikrofon. Heiner Geißlers Mikrofon ist kaputt. Deshalb braucht er das Moderatorenmikrofon, wenn er was sagen will. Die Technik-Panne bremst Geißler. Aber nicht sehr. „Sie schildern jetzt die heile Welt und die Theorie!“ ätzt er los, als er das Mikro endlich erobert hat. Friedrich Merz schüttelt ungläubig den Kopf. Dass er als netter Märchenonkel hingestellt wird, ist ihm bisher selten passiert.

Merz wird noch oft den Kopf schütteln im Saal der Berliner Stadtmission, wohin die Landes-CDU am Dienstagabend die zwei rebellischsten CDU-Rebellen der Gegenwart zum Streit über „Globalisierung und Gerechtigkeit“ geladen hat. Das Kopfschütteln des Ex- Fraktionschefs wird stets besonders heftig, wenn sich der Ex-Generalsekretär als wandelndes Attac-Flugblatt betätigt. „Die Welt wird gesteuert von den Interessen des Kapitals“, polemisiert Geißler zum Beispiel. Oder dass Hartz IV für einen mit 50 Jahren frisch entlassenen Nokia-Arbeiter „die in Paragraphen gegossene staatliche Missachtung seiner Lebensleistung“ sei. Auch Geißlers Weltrettungsformel einer „internationalen ökosozialen Marktwirtschaft“ lässt Merz unfroh dreinblicken.

Dafür grabscht Geißler immer dann besonders heftig nach dem Mikrofon, wenn Merz zum Beispiel konstatiert, dass heutzutage kein vernünftig ausgebildeter Jugendlicher mehr Angst vor Arbeitslosigkeit haben müsse. „Das kann vielleicht bei Ihnen im Sauerland beim Dachdecker so sein“, knurrt Geißler zurück.

Der Abend birgt aber auch Überraschungen. Merz zum Beispiel outet sich als Anhänger des Mindestlohns: Wenn die Regierung sich auf einen gesetzlichen Mindestlohn von sechs, sieben Euro verständigt hätte, dann wäre das gerade mal Hartz-IV-Niveau gewesen, und den Rest hätten die Tarifparteien erledigen müssen. Geißler wiederum ist gegen Mindestlöhne: „Das ist nicht der richtige Weg.“

So kommen sie nicht zusammen, den ganzen Abend nicht. Wo Geißler den Leipziger Radikal-Reformparteitag der CDU zum Grundübel erklärt, das die Beinahe-Wahlniederlage 2005 auslöste, sieht Merz mangelnde Klarheit und eine „personell chaotisches“ Aufstellung im Wahlkampf als Hauptursache. Wo Geißler trotz aller Probleme um die Zukunft der CDU nicht bange ist, so lange die mehr Mandatsträger habe als die FDP Mitglieder, zeichnet Merz die Aufspaltung der Christdemokratie a la Italien an die Wand: „Wenn es eine Fortsetzung der großen Koalition gibt“, orakelt er, dann werde sich treues CDU-Stammpublikum anderweitig orientieren.

Da will der Moderator Jörges natürlich aber doch noch mal von beiden wissen, ob sie je daran gedacht hätten, aus der Partei auszutreten? Er blickt zu Merz. Der ist sonst immer sichtlich froh gewesen, wenn er hinter Geißlers Redeschwall auch mal zu Wort gekommen ist. Aber jetzt zeigt er abwehrend auf den Kontrahenten: Soll der erst mal was sagen. „Niemals! Eine Ungeheuerlichkeit“, ruft Geißler. „Wenn ich ein Problem hab’ mit der Partei, dann bleib’ ich extra drin!“ Merz hat inzwischen auch die passende Antwort parat: „Man tritt ja nicht aus der Kirche aus, nur weil der Bischof mal schlecht predigt.“ Robert Birnbaum

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