Politik : Heiligabend auf Steuerkarte

Damit die Arbeitnehmer rasch in den Genuss der Reformen kommen, müssen Lohnprogrammierer auch an Weihnachten arbeiten

Dieter Fockenbrock

Die gute Nachricht vorweg: Für die meisten Arbeitnehmer zahlt sich die Steuerreform schon im Januar aus – falls nichts Unvorhergesehenes geschieht. Denn trotz der Reformhektik kurz vor Jahresschluss werden Steuerberater und Personalabteilungen Löhne und Gehälter nach den neuen Steuertabellen abrechnen können. Das jedenfalls verspricht die Datev aus Nürnberg. Das genossenschaftliche Unternehmen ist der Spezialist auf dem Gebiet der Lohnabrechnung. Über Datev-Softwareprogramme werden immerhin die Löhne von 7,3 Millionen Arbeitnehmern abgerechnet – das ist ein Viertel aller Beschäftigten in Deutschland. Nur die Mitarbeiter der Datev werden keine große Freude an der Reform haben. Für sie ist der Weihnachtsurlaub gestrichen. Bedanken können sie sich dafür bei Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und CDU-Chefin Angela Merkel.

Weil Regierung und Opposition bis zur letzten Minute um die Details des Reformkompromisses kämpfen, dürfen die Programmierer der Datev nur für Stunden zu Familie und Fest. Über die Feiertage müssen sie dann auf die Schnelle umsetzen, was die Politiker in Monaten nicht geschafft haben. Denn die 100 Software-Experten aus Nürnberg können erst ans Werk gehen, wenn in Berlin die Arbeit getan ist. Neue Mindest- und Höchststeuersätze, erhöhte oder reduzierte Freibeträge, Entfernungspauschalen – alles muss in die Programme der Lohnbuchhaltung eingearbeitet werden. Die Datev-Leute nehmen es gelassen: „Wie immer kommt alles auf den letzten Drücker“, sagt Sprecher Peter Willig. Und auf den letzten Drücker wird Bundesfinanzminister Hans Eichel wohl erst die neue Steuerformel liefern. Doch nicht nur die Datev, auch das größte Berliner Unternehmen, Schering, ist zuversichtlich, im Januar die „richtigen“ Löhne auszahlen zu können.

Vor Jahren hätte sich die Datev beeilen können wie sie wollte. Weil 50 000 CD- Roms erst einmal programmiert, dann verpackt und an Firmen und Steuerberater hätten verschickt werden müssen, hätte die Zeit bestimmt nicht gereicht. Heute hilft die moderne Datenkommunikation – die Reform kommt sozusagen durchs Internet.

Opfer der Reformhektik sind – wieder einmal – die ganz kleinen Firmen, die ihre Buchhaltung noch per Hand erledigen. Die müssen erst auf Eichels Steuertabellen warten. Und das kann dauern.

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