Heiligendamm : Demografie statt "Damenprogramm"

Statt mit Kultur und Tee haben sich Laura Bush & Co. heute nahe Heiligendamm mit einem Vortrag über alternde Gesellschaften beschäftigt. Gastgeber und Kanzler-Gatte Joachim Sauer erschien zur Damenrunde ohne Schlips und erhielt ein dickes Lob von Cherie Blair.

Sauer
Gruppenbild mit Herr.Foto: ddp

Hohen DemzinWenn bei großen internationalen Treffen das "Damenprogramm" organisiert wird, stehen normalerweise Kunst und Kultur im Mittelpunkt. Beim diesjährigen G-8-Gipfel in Heiligendamm bricht Gastgeber Joachim Sauer, der Ehemann von Bundeskanzlerin Angela Merkel, bewusst mit dieser Tradition: Er lädt einen aus den USA stammenden Forscher ein, den Damen der mächtigen Industrieländer die Konsequenzen einer immer älter werdenden Bevölkerung vor Augen zu führen.

 "Sechs Stunden pro Tag wächst unsere Lebenserwartung", umreißt James Vaupel das Problem, an dem er seit 1996 als Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock arbeitet. Das beeindruckt. Auch der Ort ist gut gewählt, wurde das heutige Schlosshotel in Hohen Demzin von 1945 bis 1955 doch als Notunterkunft vieler Flüchtlingsfamilien und Schule für über 70 Kinder genutzt. Später diente das klassizistische Gebäudeensemble von 1955 bis 1993 fast vierzig Jahre lang als Senioren- und Pflegeheim.

Sarkozys Gattin überraschend wieder abgereist

Den Ort hat allerdings dem Vernehmen nach nicht Sauer ausgesucht, sondern seine Frau, die als Bundeskanzlerin bereits mehrfach das 110 Kilometer südöstlich von Heiligendamm auf einem Berg gelegene Schlosshotel besuchte. Hotelchef Mathias Stinnes ist voll des Lobes für seine Parteifreundin: "Frau Merkel ist eine der besten Verkäuferinnen der deutschen Industrielandschaft", sagt er nach der Begrüßung der hochrangigen Gäste.

Zunächst stellen sich die sieben Damen auf der Treppe des Chateau zu einem "Gruppenbild mit Mann" auf - allerdings ohne die Frau des französischen Regierungschefs Nicolas Sarkozy. Seine Gattin Cecilia ist am Morgen aus Heiligendamm abgereist. "Zu den Gründen müssen sie die französische Delegation fragen", heißt es kurz angebunden in Heiligendamm. Dies ruft die Geschichte vom Scheitern der Ehe der Sarkozys im Sommer 2005 und vom Neuanfang im Januar 2006 in Erinnerung. Doch diesmal ist der Grund simpel. Cecilia Sarkozy hat einen wichtigeren Termin - den Geburtstag ihrer Tochter.

Damenrunde ohne Schlips

 So begrüßt Sauer als Gastgeber des "Partnerprogramms" in der mecklenburgischen Schweiz die First Lady der USA, Laura Bush, die Frau des britischen Regierungschefs, Cherie Blair, Russlands Präsidentengattin Ludmila Putina, des weiteren Laureen Teskey, die Frau des kanadischen Premiers, die japanische Ministerpräsidentengattin Akie Abe und Flavia Franzoni, Frau des italienischen Regierungschefs Romano Prodi. Ebenfalls dabei ist - wie bei den G 8 am Ostseestrand auch - die Europäische Union in Gestalt von Margarida Sousa Uva, Gattin des EU-Kommissionspräsidenten Jose M. Barroso

Um das "etwas andere G-8-Programm" zu betonen, kommt Sauer zu der Damenrunde ohne Schlips, aber dennoch standesgemäß in dunkelblauer Hose und grüngrauen Jacket. Bei den Frauen überwiegt zwar Rock, doch haben sich die Damen aus den USA, Kanada und Frankreich für einen Hosenanzug entschieden.

"Nichts kann man gegen das Altern tun"

Bevor es gemeinsam zum Vortrag geht, bekommt Sauer noch zwei Mal Küsschen - zunächst von Cherie Blair, dann von Barrosos Frau. Und von der als führungs- und machtbewusst geltenden Gattin des britischen Premiers erhält er noch ein dickes Lob: "Mein Kompliment dafür, dass ihr dieses Schloss ausgesucht habt."

Das Mittagsmenu hat Restaurantchef Bernhard Moser extra für die "erlauchte Runde" zusammengestellt: Spargelchatreuse und gegrillte Jakobsmuschel, danach Spargelcremesuppe, Kabeljaufilet gesotten mit sautiertem Sommergemüse und gebratener Pinienpolenta - und zum Dessert Holundertarte und Waldmeisterschaum. Dazu einen 2004er Riesling aus dem Rheingau, beim Hauptgang einen 2005 Weißburgunder aus der Pfalz und schließlich einen französischen Rose Champagner. Warum kein ostdeutscher Tropfen auf der Karte steht, wird der aus Österreich stammende Moser gefragt. "Diese Weine passen einfach besser zum Menü", sagt der Sommelier im gut gepflegten Garten - und erinnert daran, dass ein guter Tropfen auch gut für die Gesundheit sei. Demografieforscher Vaupel erklärt derweil den Frauen im Schlosshotel: "Nichts kann man gegen das Altern tun. Und es gibt nur einen Grund für den Tod im hohen Alter: Das ist das hohe Alter."

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