Heilsamer Befund : AOK: In Deutschland gibt es genug Ärzte

Laut einer AOK-Studie sind die Deutschen medizinisch bestens versorgt. Nie war die Praxisdichte höher als im Jahr 2010.Von Unterversorgung könne bis auf wenige Ausnahmen keine Rede sein. Berufsverbände sehen das anders.

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Der Deutsche Hausärzteverband warnt vor: In einigen Jahren werden viele Hausärzte aus Altersgründen ausscheiden. Der Nachwuchs fehlt.
Der Deutsche Hausärzteverband warnt vor: In einigen Jahren werden viele Hausärzte aus Altersgründen ausscheiden. Der Nachwuchs...Foto: dpa

In Deutschland kamen im vergangenen Jahr auf 100 000 Einwohner 397 Ärzte. Nach AOK-Angaben ist das nicht nur die bisher größte Arztdichte aller Zeiten. Über alle Arztgruppen hinweg werde die Zahl der benötigten Praxismediziner inzwischen bereits um 26 Prozent übertroffen. Und selbst von den Hausärzten, nach denen am häufigsten gerufen und mancherorts bereits händeringend gesucht wird, gebe es insgesamt zu viele.

Von bundesweit 395 regional gegliederten Planungsbereichen liegen nach dem frisch aktualisierten Ärzteatlas des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) inzwischen 312 mit ihren Allgemeinmedizinern über dem Soll. 182 kommen gar auf einen Versorgungsgrad von mehr als 110 Prozent. Mit Hausärzten unterversorgt ist derzeit nur ein einziger Bezirk: der in Sachsen-Anhalt befindliche Saalkreis (Versorgungsgrad: 65 Prozent). 4,8 Prozent sind nach der AOK-Statistik derzeit von Unterversorgung bedroht – das sind 19 Städte und Landkreise.

Der Deutsche Hausärzteverband warf den Autoren sogleich „politische Brandstifterei“ vor. Pünktlich zur Beratung des Versorgungsgesetzes versuche der AOK-Bundesverband, berechtigte Warnungen vor einem Hausärztemangel zu zerstreuen, sagte Verbandschef Ulrich Weigeldt. Das WidO habe selber darauf verwiesen, dass in den nächsten fünf Jahren in acht Bundesländern nahezu jeder fünfte Hausarzt aus Altersgründen ausscheide, erinnerte er.

Auf die höchste Versorgungsdichte mit Hausärzten kommen dem Ärzteatlas zufolge Starnberg (148 Prozent), Freiburg/Breisgau (141 Prozent) und München (130 Prozent). Durchgängig überm Soll liegen auch Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Hessen und das Saarland. In Niedersachsen und Sachsen-Anhalt finden sich dagegen die meisten von Unterversorgung bedrohten Regionen (jeweils acht).

Bei den Fachärzten sei die Überversorgung noch weit stärker ausgeprägt, so die AOK-Experten Joachim Klose und Isabel Rehbein. Mit Internisten und Chirurgen etwa seien sämtliche Planungsbereiche überversorgt. Orthopäden kämen auf eine Überversorgungsquote von 98 Prozent, Gynäkologen auf 95 und Augenärzte auf 86 Prozent. Insgesamt habe die Zahl der überversorgten Städte und Kreise seit 2006 bei fast allen Arztgruppen zugenommen. Die Arztdichte habe sich seit Mitte der 70er Jahre „mehr als verdoppelt“.

Unberücksichtigt bleibt bei den Steigerungszahlen des AOK-Instituts freilich dreierlei: die Alterung der Bevölkerung, die Zunahme von Teilzeitarbeit vor allem bei Ärztinnen sowie die weitere Verbreitung aufwendig zu versorgender Krankheiten. All das sei aber „nicht so dramatisch“, dass es die Steigerung der Ärztezahl komplett relativieren könne, sagte WidO-Chef Klaus Jacobs. Insgesamt gesehen gebe es weder zu wenige Mediziner in Deutschland noch ein Nachwuchsproblem, wie schon der Blick auf die große Zahl der abgelehnten Studienbewerber zeige. Selbstkritisch sei zu sagen, dass die Krankenkassen die Probleme auf dem Land „lange verniedlicht“ hätten. Man dürfe nun aber auch „nicht das Kind mit dem Bade ausschütten“.

Die meisten Mediziner pro 100 000 Einwohner hat, dem Ärzteatlas zufolge, die Stadt Hamburg (600), gefolgt von Bremen (532) und Berlin (525). Das Schlusslicht bildet Brandenburg mit 335 Ärzten, wobei hier aber zu berücksichtigen ist, dass sich geschätztermaßen jeder fünfte Brandenburger in Berlin behandeln lässt. Ähnliches gilt für das Umland von Bremen und Hamburg.

Kritisch sei die Lage allerdings in den Regionen, in denen ungünstige Faktoren kumulierten, merken auch die Autoren an: niedriger ärztlicher Versorgungsgrad, hoher Altersanteil bei den Ärzten und Schwierigkeiten mit der Wiederbesetzung aufgrund regionaler Gegebenheiten. Hier gelte es „ Anreize zu schaffen, um frei werdende Arztpraxen wieder zu besetzen“. Gleichwohl sei die ärztliche Versorgung in Deutschland nicht durch generellen Ärztemangel, sondern durch „erhebliche Verteilungsprobleme“ gekennzeichnet. Alle Maßnahmen zur Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung müssten deshalb „unbedingt sowohl die Unter- als auch die Überversorgung in den Blick nehmen“.

www.wido.de/aerzteatlas2011.html

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