Politik : Heilsamer Streit

Die erste Deutsche Islamkonferenz startet mit Konflikten – aber alle wollen sogar gemeinsam die umstrittene Mozartoper sehen

Hans Monath

Berlin - Auch mit der Wahl von Tagungsorten lassen sich politische Signale setzen. Im Preußen-Schloss Charlottenburg empfing Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Mittwoch die Teilnehmer der ersten deutschen Islamkonferenz, und im Vorfeld hatte er die Toleranz der preußischen Könige gegenüber anderen Religionen und Kulturen gerühmt. Sogar Schäubles bayerischer Kollege Günter Beckstein (CSU) bezog sich an historischem Ort sehr positiv auf die Preußen. Er variierte die Maxime König Friedrichs des Großen, wonach jeder „nach seiner Fasson selig werden“ solle.

Während die Kulisse der barocken Orangerie Schäubles große Botschaft verstärkte, wonach die Muslime ein Teil Deutschlands sind, wollten sich die muslimischen Gäste nicht allen Vorgaben des Innenministers beugen. Denn die Organisatoren hatten trotz heftiger Kritik an der Einladungspraxis im Vorfeld offenbar die Konkurrenz organisierter und nichtorganisierter Vertreter der Muslime in Deutschland unterschätzt, nämlich die Frage, wer nun eigentlich berechtigt sei, im Namen dieser Religions- und Kulturgemeinschaft zu sprechen. Fast drei statt der angesetzten zwei Stunden dauerte deshalb die konfliktreiche Debatte, in der ursprünglich nur einige der Gäste zu Statements aufgerufen waren. Wichtiger als die Einhaltung des Zeitplans sei ihm gewesen, dass alle, die reden wollten, auch zu Wort gekommen seien, begründete Schäuble vor der Presse die Zugabe.

Die Konkurrenz darüber, wer als wichtigster Ansprechpartner des Staates die Muslime in Deutschland repräsentieren darf, war deshalb sogar noch in der Pressekonferenz danach zu spüren. Als der Dialogbeauftragte der Türkischen-islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), Bekir Alboga, verkündete, die wichtigsten muslimischen Verbände wollten künftig eng und gleichberechtigt miteinander zusammenarbeiten, warnte der Generalsekretär des Europäischen Integrationszentrums, der Berliner Badr Mohammed, sogleich vor vorschnellen Ansprüchen. Als Vertreter der unorganisierten Muslime wollte er offenbar deutlich machen, dass bloße Größe noch keine allgemeine Legitimität verleiht.

An der positiven Bilanz der Auftaktveranstaltung, die einen Arbeitsprozess von mehreren Jahren einleiten soll, änderten diese Konflikte offenbar nichts – weder auf Seiten der Politiker noch der islamischen Gäste. Auch zeigten sich die zwei Muslime auf dem Podium der Pressekonferenz persönlich fast gerührt, dass sie mit diesem historischen Datum endlich als Partner des deutschen Staates anerkannt würden. Eine Atmosphäre „der freiheitlich-demokratischen Streitkultur“ habe in der Runde von 15 Staats- und 15 Islamvertretern geherrscht, lobte Alboga und bekannte freimütig: „Ich bin heute ein glücklicher Mensch.“

Umgekehrt freute sich der Bundesinnenminister laut darüber, dass sich alle Teilnehmer „ohne jeden Vorbehalt“ zum Grundgesetz als Grundlage des Dialogs bekannt hätten – und verteidigte in diesem Zusammenhang auch die Teilnahme von Milli-Görüs-Vertretern, einer Organisation, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Nur Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) war im Hinblick auf das Bekenntnis der geladenen Muslime zum deutschen Verfassungsstaat etwas vorsichtiger als Schäuble und sprach lediglich davon, von „fast allen“ Teilnehmern habe er den Eindruck gehabt, sie stünden auf demokratischer Grundlage. Sein Münchner Kollege Beckstein erinnerte daran, dass nach dem Auftakt die Arbeit am Detail wartet: „Es liegt noch eine ziemliche Wegstrecke vor uns.“

Überrascht waren manche Teilnehmer davon, dass die Muslime auf der Konferenz mit Blick auf die Absetzung der Oper Idomeneo sehr offensiv die Meinungsfreiheit verteidigten. Die Redner seien sich einig gewesen, dass die Islamkonferenz geschlossen eine Vorstellung besuchen werde, „wenn wir Karten kriegen“, verkündete Schäuble danach. Da muss die Deutsche Oper sie nur wieder ins Programm nehmen.

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