Heimat des Attentäters : Nigeria: Krankes Land

Der 23-jährige Flugzeug-Attentäter bekennt sich zu Al Qaida und kommt aus Nigeria. Was ist los in dem afrikanischen Staat?

Dagmar Dehmer
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Seit drei Tagen beherrscht Umar Faruk Abdulmutallab die Schlagzeilen in den nigerianischen Medien. Der 23-jährige Sohn eines prominenten Bankiers und früheren Ministers, Alhaji Umaru Mutallab, hatte am Weihnachtstag versucht, ein Flugzeug über der amerikanischen Stadt Detroit zur Explosion zu bringen. Der Vorfall hätte Nigeria zu keinem schlechteren Zeitpunkt treffen können. Elizabeth Dickinson, eine der Herausgeberinnen der amerikanischen Zeitschrift „Foreign Policy“, schreibt in ihrem Blog: „Als ob Nigeria nicht ohnehin schon einen furchtbaren Ruf hätte.“ Ähnliches muss der Informationsministerin Dora Akunyili durch den Kopf gegangen sein, als sie am Sonntag bei einer Pressekonferenz sagte, Abdulmutallab habe sich am 24. Dezember nach Nigeria „hereingeschlichen“ und sei am selben Tag wieder abgereist. „Der fragliche Mann hat seit einiger Zeit außerhalb des Landes gelebt“, sagte sie. Akunyili verantwortet eine großangelegte Imagekampagne, mit der sie Nigerias Ruf als Hort der Korruption, krummer Geschäfte und politischer Instabilität bekämpfen wollte.

Nigeria ist eigentlich auch in „normalen“ Zeiten nahezu unregierbar. Mit 140 Millionen Einwohnern ist es das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Etwa die Hälfte der Bevölkerung, überwiegend im Süden, gehört christlichen Kirchen an, die andere Hälfte, überwiegend im Norden, ist muslimischen Glaubens. Anfang der 90er Jahre ist in einigen Nordprovinzen islamisches Recht, die Scharia, eingeführt worden. Immer wieder kommt es zu religiös begründeten Auseinandersetzungen: Gerade wurden bei Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und der islamistischen Kala-Kato-Sekte in Bauchi im Norden Nigerias 30 mutmaßliche Sektenanhänger getötet, außerdem wurden zwei Soldaten und ein Polizist in die Leichenhalle eines Krankenhauses gebracht, erklärte das nigerianische Rote Kreuz am Montag. Armee und Polizei hatten demnach das Haus des Sektenanführers angegriffen. Bei der Niederschlagung eines Aufstands der Gruppierung, die das westliche Bildungs- und Wertesystem ablehnt und den Sturz der Regierung anstrebt, waren im Juli mindestens 800 Menschen getötet worden. Schon damals fragten besorgte Sicherheitsexperten, ob Nigeria ein neuer Standort für Ausbildungslager des Terrornetzwerks Al Qaida sein könnte. Zwar operieren nach Angaben der malischen Regierung und des UN-Drogenbüros UNODC im Grenzgebiet zwischen Mali, Niger, Mauretanien und dem nördlichen Nigeria auch kriminelle Gruppen, die mit Al Qaida kooperieren. Doch in Nigeria selbst habe sich das Terrornetzwerk nie festsetzen können, sagen die Nigeria-Experten der International Crisis Group, Nnamdi Obasi, und von Chatham House, Elizabeth Donnelly.

Tatsächlich hat Nigeria auch ohne Al-Qaida-Einfluss genug Probleme. Denn selbst Abdulmutallabs missglückter Terroranschlag hat das zweite große Thema nicht verdrängen können: den Gesundheitszustand des Präsidenten Umaru Yar’Adua. Am 23. November wurde der 58-Jährige mit einer akuten Herzmuskelentzündung in eine Klinik im saudi-arabischen Dschidda gebracht. Seither gibt es keine genauen Informationen über seinen Gesundheitszustand. Yar’Adua hat zudem seit mehr als zehn Jahren mit Nierenproblemen zu kämpfen, die ihn seit der Amtsübernahme im Jahr 2007 zwei Mal zur Behandlung nach Deutschland und zwei Mal nach Saudi-Arabien gezwungen hatten. Seit Wochen wird im politischen Nigeria über die Nachfolge Yar’Aduas gestritten. Eigentlich müsste bis 2015 ein Politiker aus dem Norden das Land führen, zuvor hatte Olusegun Obasanjo aus dem Süden acht Jahre lang an der Spitze des Landes gestanden. Yar’Aduas Vize-Präsident, Goodluck Jonathan, aber stammt aus dem Süden. Yar’Adua müsste die Regierungsgeschäfte laut Verfassung per Brief an seinen Vize abgeben – den er aber wegen seines Gesundheitszustandes offenbar nicht mehr schreiben kann. Am Montag berichtete die nigerianische Zeitung „Guardian“, ein Sekretär des Präsidenten sei nach Saudi-Arabien gereist, um den Nachtragshaushalt und andere Dokumente von Yar’Adua unterschreiben zu lassen. Am Donnerstag endet die Amtszeit des obersten Richters, spätestens am 1. Januar 2010 muss sein Nachfolger vereidigt werden – bisher hat dies stets der Präsident getan. Inzwischen wird über eine Verfassungskrise spekuliert.

Daneben plagen das Land Kämpfe um mehr Beteiligung an den Öleinnahmen, insbesondere im ölreichen Niger-Delta. Im Sommer konnte Yar’Adua mit einer Amnestie zumindest einen Teil der Kämpfer im Süden dazu zu bringen, ihre Waffen niederzulegen. Außerdem ringt das Land mit einer Bankenkrise, die nur indirekt mit der internationalen Finanzkrise zu tun hat: Im August feuerte der Zentralbankchef, Lamido Sanusi, fünf Bankchefs und rettete die Häuser mit 2,6 Milliarden US-Dollar aus der Staatskasse – alle hatten hohe faule Kredite in ihren Büchern. Abdulmutallabs Vater, der bis vor knapp zwei Wochen Chef der First Bank of Nigeria war, gehörte übrigens nicht zu diesen Bankiers. Der 70-Jährige trat nach einer, wie der „Guardian“ schreibt, „makellosen Bankkarriere“ in den Ruhestand. (mit AFP)

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