Politik : Heimatvertriebene: Die Charta der Organisation ist 50 Jahre alt

Alexander Loesch

Das allgemeine Ansehen der Vertriebenen-Funktionäre und ihrer Landsmannschaften ist bei der breiten deutschen Öffentlichkeit nicht gerade hoch. Ihre Kompromisslosigkeit und Wiedergutmachungsforderungen besonders gegenüber Tschechien und Polen haben ihnen vielfach den Beinamen "Ewiggestrige" eingebracht. Doch dem war nicht immer so: Kurz nach der leidvollen Deportation aus den alten Heimatländern herrschten unter den in Deutschland bei Null beginnenden Vetreibungsopfern vielmehr Einsicht und Versöhnungsbereitschft. Im Jahr 2000 jährt sich nun zum fünfzigsten Male ein denkwürdiges Datum, das auch die Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik nicht unwesentlich mitgeprägt hat: Im August 1950 ist von ihren führenden Vertretern die "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" verabschiedet worden. Danach wurde dieses erstaunliche Dokument des Gewaltverzichts von Hunderttausenden Betroffenen bei Kundgebungen in Stuttgart und anderen deutschen Städten gutgeheißen. Zur Erinnerung: Damals lebten in Deutschland zwölf Millionen Vertriebene, acht Millionen davon in der jungen Bundesrepublik. Entwurzelung, Arbeitslosigkeit und ärmliche Notunterkünfte prägten das Dasein dieser Menschen in dem neuen, (noch) in Trümmern liegenden Heimatland. Das Beispiel der Palästinenser macht deutlich, was für ein explosives Potenzial die Not und das Gefühl der Ausweglosigkeit bei Menschen erzeugt, die über längere Zeit zu Abertausenden in Flüchtlingslagern leben müssen.

Genau diese Gefahr haben die Väter des so genannten "Grundgesetzes" der ehemaligen deutschen Minderheiten aus Mittel- und Osteuropa erkannt und mit der Charta gegengesteuert: "Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung. Dieser Entschluss ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches im Besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat", heißt es unter Punkt Eins programmatisch. Darauf folgt - der Zeit weit voraus - ein Aufruf zur "Schaffung eines geeinten Europas" genauso wie das Bekenntnis zur tatkräftigen Teilnahme am Wiederaufbau Deutschlands und des ganzen Kontinents. Gerade angesichts des heute weit verbreiteten negativen Erscheinungsbildes der Vertriebenenorganisationen ist bemerkenswert, dass die Charta zu ihrem 50. Jahrestag in Deutschlands Öffentlichkeit bislang kaum in Erinnerung gerufen wurde. Nur der einschlägige Interessenverband, der Bund der Vertriebenen, übernahm diese Aufgabe. Bundesinnenminister Otto Schily verwies aber immerhin in einer Erklärung auf die "weitreichende Bedeutung" der Charta, "weil sie innenpolitisch radikalen Bestrebungen den Boden entzog und außenpolitisch einen Kurs der europäischen Einigung unter Einbeziehung unserer mittel- und osteuropäischen Nachbarn vorbereitete". Für den 3. September ist außerdem ein Festakt im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt geplant, bei dem Bundeskanzler Gerhard Schröder die Hauptrede halten soll.

Die Landsmannschaften berufen sich zwar ständig deklamatorisch auf die Charta, doch der Text steht gewissermaßen im Widerspruch zu den schrillen Forderungen, die zu der festgefahrenen Rhetorik von Vertriebenenfunktionären gehören. Kein Ruf nach Wiedergutmachung, sondern Demut zeichnen die Charta aus. Zu dem, zuletzt wieder bei dem traditionellen Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft ohne Rücksicht auf die Realität emphatisch angeforderten Rückkehrrecht heißt es in der Charta lediglich: "Wir haben unsere Heimat verloren. Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Erde. Gott hat die Menschen in ihre Heimat hineingestellt. Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat zu trennen, bedeutet, ihn im Geiste zu töten. Wir haben dieses Schicksal erlitten und erlebt. Daher fühlen wir uns berufen zu verlangen, dass das Recht auf die Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird." Diese Formulierung ist sicherlich auch durch den Zeitgeist ihrer Entstehung bedingt. Doch sie könnte mit ihrer leicht nachvollziehbaren Emotionalität in Tschechien und Polen, den beiden von den Landsmannschaften am häufigsten angeprangerten "Vertreiberstaaten", mehr Verständnis für die Empfindungen der Erlebnisgeneration schaffen und so eine Grundlage für künftige Annäherung bilden. Das bleibende Verdienst der Charta ist, dass sie die erfolgreiche Integration der Vertriebenen in der Bundesrepublik eingeleitet hat.

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