Heimerziehung : Wiedergutmachung für eine verlorene Kindheit

Ehemalige Heimkinder haben einen runden Tisch gegründet - für Aufarbeitung und Entschädigung. In den 50er und 60er Jahren wurden zahlreiche Heimkinder gequält und misshandelt.

Sebastian Bickerich

Berlin - Still ist es Raum 1001 des Bundestages nicht, weil Sonja Djurovic ein Märchen erzählt. Was das ehemalige Heimkind an diesem Vormittag von seiner Vergangenheit in einer Einrichtung in Franken berichtet, macht die Zuhörer und Teilnehmer des „Runden Tisches Heimerziehung in der 50er/60er Jahren“ betroffen. „Mein ganzes Leben lang habe ich mich geschämt, weil ich dachte, ich selbst sei schuld an dem Leid, das mir zugefügt wurde“, sagt Djurovic – und berichtet von Zwangsarbeit. Davon, dass sie wie eine Aussätzige behandelt wurde und in knapp vier Jahren nicht ein einziges Mal ans Tageslicht durfte. „Draußen war Wirtschaftswunder – und wir wurden ausgenutzt und missbraucht“ – auch Eleonore Fleht und Hans-Siegfried Wiegand erzählen von den Torturen ihrer Heimzeit in der frühen Bundesrepublik. Als Opfervertreter erreichten sie, dass nun Verantwortliche von damals, vor allem aus den Reihen der Kirchen, und Vertreter von Bund und Ländern an einem Tisch sitzen, um das dunkle Kapitel aufzuarbeiten; am Dienstag tagte man zum ersten Mal.

Wichtig sei nun, das machte die Vorsitzende und ehemalige Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer deutlich, „rechtliche Verantwortlichkeiten zu klären und eine zeitgeschichtliche Einordnung vorzunehmen“. Sie vergleicht die Suche nach der Wahrheit mit „einem alten Bergwerk der bundesdeutschen Nachkriegszeit, in dem man gräbt“. Wozu dieses Graben führen wird, sei offen. Opfervertreter forderten eindringlich materielle Entschädigungen, wurde die Zwangsarbeit, die viele leisten mussten, doch weder bezahlt noch Sozialabgaben geleistet. Viele Ex-Heimkinder sind heute auf Hartz IV angewiesen. Kirchenvertreter und weitere verantwortliche Institutionen hielten sich hier bedeckt, wenn sie das erlittene Leid der Opfer auch einhellig bedauerten. Vollmer brachte die Erwartungen an die Arbeit des Gremiums auf den Punkt: „Entschuldigung und Entschädigung“ – gut wäre es, wenn beides am Ende des auf zwei Jahre angelegten Dialogs stehen könnte, unterstützt durch rechtliche Instrumente, die es momentan nicht gebe.

Bis dahin ist es für die „kleine Wahrheitskommission“ (Vollmer), die fortan im Monatsrhythmus tagen will und von einer Geschäftsstelle unterstützt werden soll, noch ein weiter Weg. Dass es diesen Weg der Aufarbeitung überhaupt gibt und Menschen wie Eleonore Fleht, Sonja Djurovic und Hans-Siegfried Wiegand stellvertretend für zehntausende Betroffene über ihre Scham reden können und ihr erlittenes Leid endlich öffentlich geworden ist – wenigstens das kann den Betroffenen nun niemand mehr nehmen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben