Politik : Heimfahrt in den Tod

Wieder besteigt ein junger Palästinenser einen Bus und zündet eine Bombe – aus Rache für israelische Angriffe

Christian Fürst (dpa)

Jerusalem/Gaza . Die Saat der Gewalt ging früher auf, als selbst die schlimmsten Pessimisten es befürchtet hatten: Nur einen Tag nach dem gescheiterten israelischen Angriff auf den militanten Hamas-Führer Abdel Asis Rantisi in Gaza sprengte sich ein palästinensischer Selbstmordattentäter am Mittwochnachmittag in einem vollbesetzten Linienbus mitten in Jerusalem in die Luft und richtete ein Blutbad an. 16 Israelis starben mit dem jungen Mann, der sich als ultraorthodoxer Jude „getarnt“ hatte. Dutzende erlitten zum Teil verheerende Verletzungen. Der Anschlag ereignete sich im nachmittäglichen Berufsverkehr in einem Bus in der Jaffa-Straße, einer Hauptverkehrsstraße Jerusalems.

Die Explosion riss ein großes Loch in die linke Seite des Fahrzeugs, das gerade den zentralen Busbahnhof verlassen hatte. Augenzeugen berichteten, nach der Detonation seien Menschen durch die Luft geflogen. Die Passanten in der Nähe liefen verwirrt und schockiert umher. „Die Leute waren in einem furchtbaren Zustand, sie wurden überall hingeschleudert“, sagte ein Augenzeuge. „Wir können so nicht weiter machen. Es ist eine Katastrophe.“

Die Reaktion Israels war kaum weniger verheerend. Zwei Apache-Helikopter feuerten, wieder mitten in Gaza, vier Raketen auf das Auto zweier Hamas-Aktivisten. Mit ihnen starben mehrere Passanten.

Nur eine Woche nach dem Nahostgipfel von Akaba sind die schönen Absichtserklärungen der Konfliktgegner damit bereits zu Makulatur geworden. Die Kettenreaktion der Gewalt, die bereits mehr als 2300 Palästinenser und über 700 Israelis das Leben gekostet hat, ist erneut außer Kontrolle geraten. Nach dem gezielten israelischen Angriff auf Hamas-Führer Rantisi brauchten die Extremisten ganze 24 Stunden, um ihren „zionistischen Feind“ mit aller Härte zu treffen. Die Hamas hatte noch am Dienstag blutige Rache angekündigt. Rantisi war bei dem Raketenangriff verletzt worden. Mahmud Sahar, ein Hamas-Führer, erklärte, der Anschlag in Jerusalem sei eine „Botschaft an alle zionistischen Verbrecher, dass sie nicht sicher sind“.

Israels Ministerpräsident Ariel Scharon ließ sich auch durch die deutliche Kritik von US-Präsident George W. Bush am Vorgehen seiner Armee nicht einschüchtern: Es sei allein „Israels Sache, zu entscheiden, welche Schritte im Kampf gegen den Terror nötig sind“, sagte er am Mittwoch vor seinen Ministern. Den Vorwurf, dass der höchst umstrittene Raketenangriff gegen Hamas-Führer Rantisi den kaum in Gang gesetzten Friedensprozess im Keim erstickt hat, will Scharon nicht gelten lassen. „Die gestrige Sicherheitsaktivität“, so hieß es in einer Erklärung, „war ein Test der Glaubwürdigkeit dieser Regierung und ihrer Erklärungen“.

Da nützte es nichts, dass der stark geschwächte palästinensische Ministerpräsident Mahmud Abbas Scharon in Akaba um eine militärische Atempause gebeten hatte, um eine Waffenruhe mit den schwer bewaffneten Extremistengruppen auszuhandeln.

Selbst US-Präsident Bush, so berichtete die Tageszeitung „Haaretz“ am Dienstag unter Berufung auf einen Gipfelteilnehmer von Akaba, habe die Israelis vergeblich gedrängt, dem von seinen Landsleuten fast als Verräter eingestuften Abbas durch militärische Zurückhaltung beizustehen. Stattdessen gab Scharon den Befehl zur Liquidierung von Hamas-Führer Rantisi. Auch nach dem Anschlag am Mittwoch betonte Scharon noch einmal, Israel werde die Verfolgung militanter Palästinenser fortsetzen – ohne die Bemühungen um einen Frieden aufzugeben, wie er sagte. „Der israelische Staat wird die palästinensischen terroristischen Gruppen und ihre Anführer im vollsten Umfang weiter verfolgen“, erklärte der Premier. Auch Hamas-Gründer Ahmed Scheich Jassin stehe jetzt auf der Todesliste der Israelis, ließ die israelische Armee wissen.

Was die rechts-dominierte Regierung Scharon mit dieser Politik erreichen will, ist noch nicht zu übersehen. Das Ergebnis ist dagegen klar. Die Bemühungen von Mahmud Abbas, sein Volk von der Notwendigkeit der Beendigung der bewaffneten Intifada zu überzeugen „haben einen kräftigen Schlag ins Gesicht erhalten“, meinte „Haaretz“ am Mittwoch. Die Raketen, die einen allzeit gewaltbereiten Hamas-Führer tötet sollten, hätten in Wirklichkeit Abbas und auch den amerikanischen Präsidenten Bush getroffen. Israel, so resümierte das kritische Blatt, „hätte den Gegnern des Nahost-Fahrplans gar nicht besser in die Hände spielen können“.

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