Politik : Heimspiel am Marienhaus

Seine neue Haltung zum Beitritt macht den Papst in der Türkei populär

Thomas Seibert[Istanbul]

Er lacht, er winkt, er segnet und er schüttelt die Hände der Gläubigen: Als Papst Benedikt XVI. am Mittwochvormittag am Marienhaus in der Nähe des antiken Ephesus in der Westtürkei ankommt, ist ihm anzumerken, dass er sich wie zu Hause fühlt. Am ersten Tag seines Türkeibesuches am Dienstag in Ankara wirkte Benedikt angespannt und nervös, doch davon ist nun nichts mehr zu spüren. Benedikts erste Messe auf türkischem Boden ist ein Heimspiel, auch wenn ihm dabei nur 550 handverlesene Katholiken aus der Türkei und anderen Ländern zujubeln. Auch einige Dutzend Deutsche, die im südtürkischen Alanya leben, sind unter den Geladenen. Eine Orgel spielt, ein Chor singt, Männer, Frauen und Kinder schwenken Fähnchen, die auf einer Seite die türkische Fahne mit Halbmond und Stern zeigen und auf der anderen die weiß-gelbe Flagge des Vatikan. Sogar ein bayerisches Fähnchen ist zu sehen.

Das Marienhaus ist eine wichtige Pilgerstätte; schon die Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. beteten hier. In dem Steinhaus am Nachtigallenberg außerhalb des Städtchens Selcuk soll Maria nach dem Kreuzestod Jesu den Rest ihres Lebens verbracht haben. Auch Muslime kommen hierher, weil sie auf Fürsprache der Mutter von Jesus hoffen, der im Islam als Prophet geehrt wird. Der Glaube an Wunder im Marienhaus erhielt erst im letzten Sommer neuen Auftrieb, als ein Waldbrand auf dem Nachtigallenberg wenige Meter vor dem Marienhaus Halt machte.

„Sevgili kardeslerim, Rab sizinle olsun“ – „meine lieben Brüder, der Herr sei mit euch“: Auf Türkisch begrüßte Benedikt die Messebesucher. Vor dem Marienhaus sprach er aber auch die Probleme der Christen in der Türkei an, die jeden Tag „Herausforderungen und Schwierigkeiten“ bewältigen müssten. Benedikt erinnerte in diesem Zusammenhang an die Ermordung des katholischen Priesters Andrea Santoro, der Anfang des Jahres in Trabzon von einem Teenager erschossen worden war. Seine Kritik an der Lage der Christen verband der Papst mit viel Lob für die Türkei und seine Gastgeber. „Wichtig und positiv“ nannte er seine Gespräche mit Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer vom Vortag.

Dass Benedikt in diesen Gesprächen seine ablehnende Haltung zur türkischen EU-Bewerbung aufgab und den europäischen Weg Ankaras unterstützte, hatte am Mittwoch sofort Konsequenzen für das Bild des Papstes in der türkischen Öffentlichkeit: Benedikt wurde über Nacht vom Buhmann zum Freund. „Ein schöner Anfang“, titelte „Hürriyet“, die größte Zeitung des Landes. Auch die Tatsache, dass Benedikt in Ankara die Friedfertigkeit des Islam betonte, wurde anerkennend vermerkt: „Wie eine Entschuldigung“ für seine als islamfeindlich verstandene Regensburger Rede vom September habe das geklungen, fanden mehrere Kommentatoren.

Nicht nur deswegen wurde Benedikt von der Presse mit Lob überschüttet. Der Papst habe bei der Ankunft in Ankara aus Rücksicht auf die türkischen Muslime das Kreuz auf seiner Brust unter seinem Mantel versteckt, meldeten die Blätter. Besser kann es angesichts der schwierigen Vorgeschichte des Papstbesuches eigentlich nicht mehr laufen, finden nun manche in der Türkei.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar