Politik : Heimweh nach der Warteschlange

Ältere Polen sehnen sich häufig nach der früheren Volksrepublik – und auch die Jüngeren hat eine Ostalgie-Welle erfasst

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Von Thomas Roser, Warschau

Der Blick zurück verklärt gerne die Sicht. Es waren einst die freiheitsliebenden Polen, die im Lager der sozialistischen Bruderstaaten Anfang der 80-er Jahre als erste erfolgreich gegen totalitäre Fremdbestimmung rebellierten – und damit den Weg für Perestroika und Mauerfall ebneten. Doch mehr als zwei Jahrzehnte nach Gründung der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc werden immer mehr der 38 Millionen Bewohner zwischen Oder und Bug vom Heimweh nach der „guten alten“ Volksrepublik (PRL) geplagt: 13 Jahre nach der demokratischen Wende von 1989 bewerten die Polen die Leistungen der früheren sozialistischen Vereinigten Arbeiterpartei PZPR erstmals eher positiv als negativ.

Seit 1994 testet das Meinungsforschungsinstitut OBOP per Umfrage alljährlich das Geschichtsbild der Polen. Mit der steigenden Arbeitslosigkeit und zunehmenden Verunsicherung ist ihr rückblickendes Urteil über die PZPR in den vergangenen vier Jahren zunehmend milder geworden. Lediglich etwas mehr als ein Drittel der Befragten glaubt inzwischen, dass die PRL eher schlechte Seiten hatte, für 40 Prozent überwiegen hingegen die positiven Aspekte der Volksrepublik. Die Enttäuschung über die hohe Arbeitslosigkeit und die wachsenden sozialen Spannungen seit dem Abschied vom Sozialismus spiegelt auch eine Umfrage des PBS-Instituts wieder. Knapp zwei Drittel der Befragten halten ihr zufolge „den Kapitalismus“ für ungeeignet, den Lebensstandard von Polens Gesellschaft anzuheben; 90 Prozent verbinden mit dem Kapitalismus vor allem „Korruption".

Transformations-Verlierer, Ältere, Arme und von der sozialdemokratischen Regierung enttäuschte Linke sind es, die sich am liebsten in die Volksrepublik zurückversetzen lassen würden. Viele seien an den Schirm der staatlichen Fürsorge gewöhnt gewesen, erklärt das Wochenblatt „Newsweek Polska“ die Ergebnisse: „Der Kommunismus kümmerte sich um die Leute von der Wiege bis ins Grab."

Stark angestiegen ist in den letzten Jahren allerdings auch die Zahl derjenigen, die mit dem Sozialismus kaum mehr als die noch stets ausgestrahlten TV-Serien aus den 60-er und 70-er Jahren zu verbinden weiß. Für junge Polen, die in den immer populärer werdenden Nostalgiekneipen wie der Krakauer „Propaganda“ oder der Breslauer „PRL“ launig dem Volksrepublik-Kult frönen, gehört der einst real existierende Sozialismus schon längst zum abstrakten Geschichtsgut des Landes.

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