Politik : Heiße Schlacht um kalten Pol

Forscher zeichnen Karte möglicher Territorialkonflikte – Anrainer bereiten sich auf den Wettlauf um die Bodenschätze vor

André Anwar[Stockholm]

Neben Sicherheitsexperten warnen nun auch Wissenschaftler vor Territorialkonflikten am Nordpol. Forscher der britischen Universität Durham haben die erste detaillierte Arktiskarte mit sämtlichen potenziellen Konfliktherden veröffentlicht. Sie haben alle territorialen Ansprüche der Anrainer darzustellen versucht. „Wir wollten neben den bereits vereinbarten Grenzen auch alle Forderungen aufzeigen. Wir wollten zeigen, was bislang noch auf keiner anderen Karte erschienen ist: die Anzahl der Territorien, die von Kanada, Dänemark und den USA beansprucht werden könnten“, sagte Martin Pratt, Forschungsleiter der internationalen Grenzforschungseinheit der Universität Durham.

Als Grundlage diente die als unstrittig geltende Seerechtskonvention, wonach Staaten eine 200 Meilen breite Wirtschaftszone vor ihrer Küste exklusiv für sich beanspruchen dürfen. Zusätzlich berücksichtigten sie die Regel, wonach die Wirtschaftszone bis 350 Meilen ausgedehnt werden kann. Dafür muss das Land gegenüber den UN nachweisen, dass sein Festlandsockel weiter als 200 Meilen ins Meer ragt. Bislang haben nur Russland und Norwegen Anträge gestellt, es ist damit zu rechnen, dass es mehr werden.

Zu verteilen gibt es ein rund 2,5 Millionen Quadratkilometer großes Gebiet um den Nordpol. Allerdings gibt es mehr als eine Möglichkeit, das Gebiet aufzuteilen. Einerseits kann es wie ein Kuchen geteilt werden. Die Linien würden von den jeweiligen Landesgrenzen zum Nordpol gezogen. Dieses Verfahren ziehen die USA vor, weil es ihnen auf Kosten Dänemarks und Kanadas ein besonders großes Stück bescheren würde. Andererseits kann das Gebiet an der Mittellinie zwischen den jeweiligen Territorialgewässern aufgeteilt werden. Russland steht nach beiden Prinzipien fast die Hälfte des Gebietes zu. Es beansprucht denn auch 1,2 Millionen Quadratkilometer entlang des unter Wasser gelegenen „Lomonossow-Rückens“, den Moskau als Verlängerung des eigenen Festlandsockels sieht. Dänemark will allerdings nachweisen, dass dieser Unterwasserrücken mit dem zum Königreich gehörenden Grönland in Verbindung steht. Damit könnte es selbst Ansprüche geltend machen.

Zu den zahlreichen Konfliktgebieten, welche die neue Landkarte verzeichnet, gehört auch der Nordpol selbst. Auf ihn erheben laut gegenwärtiger Situation Dänemark und Russland Ansprüche. „Doch auch andere Länder wie vor allem Kanada können mittelfristig Ansprüche geltend machen“, sagt Forschungsleiter Pratt. Zu den Konfliktzonen gehört auch ein 6250 Quadratkilometer großes Gebiet der Beaufortsee, das von Kanada und den USA beansprucht wird. Norwegen und Russland streiten sich um die rohstoffreiche Barentssee. Bei der Nordwestpassage ist der Fall dagegen eigentlich klar. Die Strecke, die beim Rückgang des Eises zu einer wichtigen neuen Verkehrsroute von Europa nach Asien werden kann, wird von den britischen Forschern klar den kanadischen Gewässern zugeordnet. Die USA fordern aber bereits, diese Passage zu internationalisieren.

Lange Zeit war die Arktis wegen der dicken Eisschicht für Rohstoffförderer und als Reiseroute uninteressant. Doch der Klimawandel hat einen Wettlauf ausgelöst. So rammten russische Wissenschaftler 2007 mit einem U-Boot eine Nationalflagge unter den Nordpol. Die anderen Arktisanrainer waren empört. Von einem „neuen Kalten Krieg“ war die Rede. Das ist nicht verwunderlich. Eine Studie einer US-Behörde schätzt, dass sich unter dem Nordpol ein Fünftel der weltweit erfassten Rohstoffe befindet. Im Mai erklärten die Anrainer Russland, Kanada, Norwegen, Dänemark und USA auf ihrer Arktiskonferenz, die Ausbeutung der Bodenschätze friedlich, unter UN-Regie und gemäß internationalem Seerecht regeln zu wollen. Die neue Arktiskarte zeigt, dass in vielen Teilen der Arktis Konflikte lauern.

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