Politik : Helfen im Sperrgebiet

In Sri Lankas Norden tobt wieder der Bürgerkrieg. Nach vier Monaten durfte ein Deutscher wieder in die Tamilenregion reisen

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Endlich. Vier Monate hat es gedauert, bis Thomas Melchert wieder ins Tamilengebiet im Norden von Sri Lanka fahren konnte. Dorthin, wo die Hausbau-Projekte für die Tsunami-Opfer liegen, die der Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe betreut. Seit August hat die Regierung den Zugang in die Tamilengebiete gesperrt, Ausländer bekamen keine Zugangsgenehmigung des Verteidigungsministeriums. Zudem wird den Hilfsorganisationen zum Teil vorgeworfen, sie unterstützten die Tamilenrebellen, die für die Unabhängigkeit des tamilischen Nordens vom vornehmlich singhalesisch geprägten Süden des Inselstaats kämpfen - seit Monaten tobt wieder ein blutiger Bürgerkrieg zwischen Armee und der Tamilenorganisation LTTE, der 2002 geschlossene Waffenstillstand gilt de facto nicht mehr.

Leidtragende sind einmal mehr auch die Menschen, die beim Tsunami Weihnachten 2004 Angehörige, Häuser und Boote verloren. Die Blockade der Tamilengebiete bedeutet auch eine Einfuhrsperre. „Unser Lager in Kilinochchi ist noch gut gefüllt, und wir haben jetzt auch eine Möglichkeit aufgetan, Zement zu bekommen, den es eigentlich dort gar nicht mehr gibt“, erzählt Melchert telefonisch nach der Rückkehr aus seinem Büro in Vavuniya. Also können die Häuser für die Tsunami-Opfer weitergebaut werden, die mit Spenden von Tagesspiegel–Lesern finanziert werden.

„Der Ort Thiihtakkarai ist glücklich, da merkt man von den Kämpfen nichts“, so Melchert.15 Kilometer weiter sieht das schon anders aus. Die sri-lankische Armee werfe dort aus umgebauten Flugzeugen immer wieder Bomben ab, weil sie LTTE-Stellungen vermute. „Die Menschen dort verdrängen das noch. Aber sie leben auch praktisch seit 25 Jahren im Krieg. Unsereiner fällt ja schon aus dem Bett, wenn es mal kracht.“

Der neue Bürgerkrieg bedeutet für die Menschen noch weitere Verschlechterungen. „Die Preise für Lebensmittel haben sich verdoppelt, für Benzin und Diesel verdreifacht,“ erzählt Melchert. In einer Gegend, wo die Menschen ohnehin nicht viel haben. Manche Dinge sind gar nicht mehr zu bekommen. „Im Restaurant gab es gerade mal 20 Prozent der Gerichte, die auf der Speisekarte standen. Das war sonst anders“, berichtet Melchert vom Besuch in Kilinochchi. „Die Leute da haben schwer was zu knacken.“ Wären die meisten nicht Selbstversorger, kämen sie kaum über die Runden. Immerhin herrscht in den Straßen von Kilinochchi Ruhe. „Dort sieht man keinen Bewaffneten.“ In Vavuniya, auf Regierungsgebiet, „steht an jeder Ecke ein Soldat, und es gibt öfter Schießereien aus der Mitte von Nirgendwo. Ich fühle mich so, wie ich mir Palästina vorstelle“, sagt Melchert.

In Thithakkarai gingen die Arbeiten trotz Zugangssperre zum Tamilengebiet die ganze Zeit weiter. Denn die Mitarbeiter der einheimischen Partnerorganisation Sewalanka konnten am Ort bleiben. Wenn ihnen die Lage zu unruhig erscheint, können sie in Gästehäusern am Büro übernachten. Um die Arbeit begleiten zu können, haben die Mitarbeiter ein Onlinesystem aufgebaut. Die Kollegen am Ort fotografieren jeden Bauabschnitt, mailen die Fotos an Projektleiter Melchert, der dann online Vorgaben macht: „Mit Vertrauen geht da viel.“ Und Melchert ist überzeugt, dass die LTTE „hart durchgreifen“ würde, wenn es Unregelmäßigkeiten bei der Hilfe gäbe.

Doch er ist heilfroh, dass nun etwas in Bewegung kommt. Er will jetzt wieder zweimal im Monat seine Projekte im Tamilengebiet besuchen. Auch wenn der Papierkrieg mit den lokalen Behörden beim ersten Besuch zwei Tage gedauert hat – und sie ihn an der Grenze zwei Stunden haben schmoren lassen.

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