Helgoland : Nervengas auf dem Meeresgrund

Vor Helgoland lagern 6000 Granaten mit der hochgiftigen Substanz Tabun – Experten sind sich uneins: Bergen oder liegen lassen?

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Eine Altlast aus dem Zweiten Weltkrieg erhitzt noch heute die Gemüter. Erst hat die Versenkung von Giftgas vor Helgoland die verantwortlichen Stellen jahrelang nicht interessiert, dann widmete sich die Abteilung Katastrophenschutz im Innenministerium von Schleswig-Holstein dem Thema. Dort ist man nun zu dem Schluss gekommen: Bei dem Kampfstoff in Form von Granaten handelt es sich offenbar um den Nervenkampfstoff Tabun – und das explosive Gemisch schlummert auf dem Meeresgrund in größerer Sicherheit, als wenn man es bergen würde.

Mit einer parlamentarischen Anfrage an die Bundesregierung hatte die Bundestagsfraktion der Linkspartei bereits im vergangenen Herbst an dem Thema gerührt. Der letzte sichtbare Beweis, was da wirklich in rund 50 Meter Tiefe liegt, fehlt zwar noch, doch soll dieser nun schnellstmöglich mittels Videoaufnahmen erbracht werden. Alle Indizien sprechen dafür, dass an der bekannten Versenkungsstelle wenige Kilometer vor dem Südhafen der Hochseeinsel etwa 6000 Feldartilleriegranaten mit dem Nervengas lagern. Sie stammen von einem Eisenbahntransport der Wehrmacht, der im April 1945 durch Luftangriffe im Kreis Diepholz in Niedersachsen gestoppt wurde. Zwei Monate darauf wurde die Munition von englischen Besatzungstruppen sichergestellt. Vier Jahre später verfügte die britische Militäradministration, dass der niedersächsische Bombenräumdienst mit dem Motorschiff „Anna“ die rund 90 Tonnen schwere Fracht – davon rund zwölf Tonnen des Nervenkampfstoffs – in einer Senke vor Helgoland verklappt. Dieser Sachverhalt ist in Dokumenten festgehalten, die der Umweltbiologe Stefan Nehring aus Koblenz im Britischen Nationalarchiv in London entdeckte. Erst nach diesen Erkenntnissen widmete das Kieler Innenministerium und dort der Kampfmittelräumdienst dem Thema große Aufmerksamkeit.

Umweltgutachter Nehring hält eine Gefahr durch eine Selbstdetonation für relativ gering, weil die Munition weitflächig verstreut auf dem Meeresboden liegt. Offizielle Seekarten führten die Stelle auch bisher schon als Munitionsversenkungsgebiet. „Die einheimischen Fischer wissen davon, die müssen wir nicht mehr warnen“, so ein Sprecher aus dem schleswig-holsteinischen Umweltministerium. Trotzdem will das Land nun bei der EU auf ein offizielles Fangverbot drängen. Und weil just in der Region auch Manöver der Marine stattfinden, soll nun das Verteidigungsministerium auf das Thema hingewiesen werden.

Eine Bergung kommt für das Innenministerium nicht infrage. „Das Risiko für unsere Taucher wäre nicht zu verantworten“, sagt Innen-Staatssekretär Volker Dornquast. Die Gefahr, dass die Granaten während des Hebevorgangs aufgrund des nachlassenden Außendrucks aufplatzten, sei zu groß. Dornquast betont dabei, dass aus ökologischer Sicht durchaus keine Bedenken bestünden, und verweist auf ein regelmäßiges Bund-Länder-Messprogramm im Meer. Experten beruhigen: Tabun und seine Abbauprodukte reichern sich nicht in der Nahrungskette an. Helgolands Bürgermeister Frank Botter, der zunächst nach Anfragen einiger Touristen auch auf eine Beseitigung der gefährlichen Stoffe gedrängt hatte, vertraut nun den Ratschlägen der Fachleute. Er rechnet nach Offenlegung der Archive der britischen Royal Air Force noch mit weiteren Überraschungen, weiß das Thema beim Kampfmittelräumdienst aber „in den besten Händen“. Die Linke in Schleswig-Holstein fordert unterdessen die vollständige Beseitigung und Entgiftung der Munition. Sie wirft der Landesregierung eine „Null-Kosten-Regelung“ vor und plädiert stattdessen für eine „Null-Gefahren-Regelung“.

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