• Helmut Kohl, das Opfer: Wie ein Forscher in der "Welt am Sonntag" den CDU-Skandal erklärte

Politik : Helmut Kohl, das Opfer: Wie ein Forscher in der "Welt am Sonntag" den CDU-Skandal erklärte

Matthias Hochstätter

"Skandal!" schreit die Öffentlichkeit gerne. Wenn sie laut genug schreit, tritt der eine oder andere Politiker zurück. Aber wer macht eigentlich Skandale? Und wem nutzen sie? Interessante Fragen, denn oft stellt sich heraus, dass alles halb so wild (Hoechst-Störfall 1993) oder gar nichts dran war (Birkels Eiernudeln 1984). Fragen, die sich auch Mainzer Publizistik-Wissenschaftler stellen. Die Antworten veröffentlichen sie am liebsten in rechtschaffenen, konservativen Organen wie der "Welt am Sonntag", frei vom Ruch linker Meinungspresse.

So durfte sich zuletzt der zur politischen Ausrichtung der "WamS" passende Mainzer Professor Hans Mathias Kepplinger auf einer ganzen Seite zum Thema Skandal im allgemeinen und CDU-Spendenskandal im besonderen auslassen. Kepplinger stellt den CDU-Skandal als Phänomen der Medien dar, initiiert von skandalwütigen Journalisten, so genannten "Skandalierern". Die Skandalierer, darunter Kohl-abtrünnige Christdemokraten, hätten den Altkanzler über Monate hinweg demontiert und ihn "kriminalisiert". Kohl hingegen leide wie alle "Skandalierten" unter dem "enormen Stress, den öffentliche Anschuldigungen ausüben", schreibt der Herr Professor. Fast möchte man glauben, der "skandalierte" Kohl hätte sich beizeiten durch seine Spenden-Praxis als CDU-Chef nicht selbst kriminalisiert. Doch Kepplinger zeigt dem "WamS"-Leser, wie perfide die Strategien der linken Meinungsmacher sind: "Immer wieder neu angeheizt" hätten die Medien diesen Skandal.

Und überhaupt: Warum wurde die Spenden-Praxis nicht schon 1995 zum Skandal, als der "Spiegel" auf illegale CDU-Konten aufmerksam machte? Hatte das linke Kartell etwa beschlossen, einen günstigeren Zeitpunkt abzuwarten, um Kohl niederzumachen? Der von Kepplinger gebrandmarkte "erfolgreiche Skandalierer" der "Süddeutschen Zeitung", Hans Leyendecker, winkt ab. Als er damals beim "Spiegel" zusammen mit drei Kollegen an der Geschichte arbeitete, ging es lediglich um Drücker-Kolonnen, die für die CDU Spenden sammelten. "Die damals genannten Konten sind heute offizielle Spenden-Konten der CDU", sagt Leyendecker. Die damalige Recherche sei in eine andere Richtung gelaufen. "Erst die Aussage von Horst Weyrauch am 5. November 1999 vor dem Amtsgericht Königstein hat die ganze Sache ins Rollen gebracht", sagt der "Skandalierer". Im August bringt Leyendecker das Buch zum CDU-Skandal heraus. Die Reaktion Kepplingers interessiert ihn wenig: "Es ist ja schön und gut, wenn man sich an die politische Meinungsfront begibt, aber dann bitte nicht unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft."

Auch der Münsteraner Professor Siegfried Weischenberg bekommt Bauchschmerzen, wenn er Kepplingers Thesen liest: "Selten gab sich die deutsche Publizistik so einheitlich wie im Fall der Spenden-Affäre. Ich habe nur darauf gewartet, dass jemand zu relativieren anfängt und seinen ideologischen Interessen nachläuft." Die Streitschrift Kepplingers überrasche Weischenberg, der auch Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes ist, deshalb nicht.

Kepplinger ist ein angesehener Wissenschaftler. Der Professor, der zurzeit in Süd-Frankreich forscht, "wollte die Theorie an einem aktuellen politischen Thema anwenden", vermutet sein Mitarbeiter Uwe Hartung. Misstrauisch steht Kepplinger den Medien gegenüber, die Öffentlichkeit ist für ihn eine leicht manipulierbare Masse. So zähle beim Skandal letztlich "nicht die Wahrheit, sondern das, was die meisten dafür halten". Kohl, ein Opfer der Öffentlichkeit?

"Die Vorstellung von den allmächtigen Medien stammt aus den dreißiger Jahren", erklärt Weischenberg. "Keiner, der heute wissenschaftlich ernst genommen werden will, kann sich darauf berufen", sagt er. In seinem "WamS"-Aufsatz über das Phänomen des Skandals hat Kepplinger offenbar versucht, wissenschaftlich Ursache und Wirkung im Fall Helmut Kohl zu verschleiern - eigentlich ein Skandal.

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