Politik : Helmut Kohl in Dresden: Mitten im Volk

Ralf Hübner

Helmut Kohl (CDU) wird zu Weihnachten auf dem Gabentisch liegen. Fast eineinhalb Stunden hat die junge Frau im Dresdner "Haus des Buches" angestanden. An der improvisierten Sperre ein kurzer Sicherheitscheck, dann noch die 15 Meter Weg durch ein Spalier von Personenschützern, der Alkanzler thront auf einem Podest, dann hält sie das ganz besondere Weihnachtsgeschenk endlich in den Händen: Zwei von Kohl persönlich signierte Tagebücher.

In Dresden war die Furcht des Altkanzlers vor einer Windbeutel-Attacke, wie sie sich kürzlich in Berlin ereignete, unbegründet. Die Dresdner haben Helmut Kohl mit offenen Armen empfangen. Wochenlang war die Stadt mit dem Bild des Politikers zuplakatiert, als gelte es, die verlorene Bundestagswahl von 1998 in Dresden doch noch zu gewinnen. Kohl vor der Frauenkirche, dem historischen Ort, wo er 1989 der Welt jene Möglichkeit einer deutschen Einheit vor Augen führte. Für ihn war es immer das "Schlüsselerlebnis auf dem Weg zur deutschen Einheit" gewesen. Rund 20 000 Dresdner hatten an jenem Abend den Kanzler geradezu gefeiert. Diesen Augenblick hat der Altkanzler nie vergessen und die Dresdner, die an diesem kalten Dezemberabend vor die Frauenkirche strömten, wohl auch nicht.

Dass sich Kohl ausgerechnet elf Jahre nach diesem Ereignis noch einmal auf Erinnerungstour in die sächsische Landeshauptstadt begeben hat, war alles andere als Zufall. In der sächsischen CDU, vor allem aber im Dresdner Kreisverband, hatte es lautstarken Unmut gegeben, dass dem Ex-Kanzler ein Auftritt zur Einheitsfeier am 3. Oktober verwehrt blieb. Die Verantwortung dafür wurde vor allem Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) zugeschrieben. Über den Dresdner Bundestagsabgeordneten Arnold Vaatz (CDU) war dann der Kohlauftritt zwei Monate später eingefädelt worden. Auch wenn jede Bezugnahme auf die leidige Kohlabstinenz am Einheitstag und jede Missstimmung peinlich vermieden werden sollte, die Dresdner CDU-Lokalgrößen dürften den Auftritt des Altkanzlers ebenso als Genugtuung empfunden haben, wie Kohl selbst. So war die Szenerie vorgegeben: Oben auf der Bühne, neben dem Altkanzler, die Revolutionshelden von 1989, der CDU-Kreisvorsitzende Dieter Reinfried, Dresdens Oberbürgermeister Herbert Wagner (CDU) und der Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz - unten, vor der Barriere, Kurt Biedenkopf, um freundliche Miene bemüht.

Spätestens seit Sachsens Ex-Justizminister Steffen Heitmann (CDU) im Sommer diesen Jahres sein Amt aufgab, haben die Revolutionsgardisten von einst in der sächsischen Landespolitik nichts mehr zu melden. Vor zehn Jahren wäre das unvorstellbar gewesen. Doch Vaatz hatte schon 1998 resignierend in die Bundespolitik gewechselt, Reinfried, einst Staatssekretär, ist beurlaubt. An diesem Abend aber stehen sie noch einmal oben, neben dem lebenden Denkmal Kohl, und Biedenkopf sitzt unten. Von einer bewussten Provokation gegen Biedenkopf will Vaatz angeblich nichts wissen. Das sei "dummes Zeug". Zwischen Signierstunde und Konzert in der Frauenkirche fand Kohl sogar Zeit für eine gemeinsame Tasse Kaffee mit Intimfeind Biedenkopf. Ein Gespräch unter vier Augen zwischen rivalisierenden Tagebuchautoren. Es dürfte aber den Frieden kaum hergestellt haben.

Vaatz, bekennender Kohlianer, hatte die Richtung der Veranstaltung am Abend vorgegeben. Helmut Kohl sei, Vaatz zufolge, in diesem Jahr Ziel einer Zerstörungskampagne seiner politischen Gegner geworden. Nun solle gezeigt werden, dass sich Kohl der Dankbarkeit nicht nur in bequemen Zeiten sicher sein könne. "Ganz Deutschland erwartet von uns Dresdnern ein klares und überzeugendes Wort." Die Rollenverteilung war klar. Da der Altkanzler auf dem hell erleuchteten Podium - dort die Dresdner, die dem durch die Spendenaffäre lädierten Denkmal zu neuem Glanz verhelfen sollten. Die Dresdner haben es getan.

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