Politik : Henker, Held, Heuchler - Die Solidarnosc-Legende war ein Spitzel der polnischen Stasi

Wlodzimierz Nechamkis

Es war eine jener Nachrichten, die die Kraft haben, eine ganze Nation zu erschüttern: Ein junger Mann von 23 Jahren lag nach einem Fenstersturz auf dem Bürgersteig im Stettiner Zentrum in seinem Blut. Er hieß Adam Jurczyk, er war der Sohn des Solidarnosc-Helden Marian Jurczyk, und schuld an seinem Tod, das dachte damals jeder aus der Solidarnosc, war der Sicherheits-Dienst Sluzba Bezpieczenstwa.

Die Beerdigung von Marian Jurczyks Sohn Anfang Juli 1982 verwandelte sich in eine patriotische Demonstration. Etwa 30 000 Menschen versammelten sich an dem Stettiner Friedhof "Ku Sloncu" um die Särge von Adam Jurczyk und seiner Frau Dorota, die ebenfalls aus dem Fenster gestürzt war. Die Trauergäste erschienen mit weiß-roten Fahnen und sangen die polnische Nationalhymne. Marian Jurczyk wurde in einem Polizeiwagen aus dem Gefängnis gebracht, wo er eine Haftstrafe verbüßte.

"Es war ein sonniger Sommertag", erinnert sich Jerzy Serdynski, 45, heute Stadtrat im Stettiner Senat. "Jurczyk hatte einen langen Bart und war kaum zu erkennen. Zum Grab seines Sohnes ließ er sich in Handschellen führen. Wir empfingen ihn wie einen Helden." Die aufgebrachte Menge versuchte, den Polizeiwagen umzukippen, mit dem ihr Idol zurück ins Gefängnis gebracht werden sollte, und die Beerdigung endete mit Ausschreitungen, die bis in die späten Abendstunden andauerten.

17 Jahre danach sind die einstigen Anhänger Jurczyks schockiert und verbittert. Das Prüfungsgericht Sad Lustracyjny, wie das polnische Pendant zur Gauck-Behörde heißt, bestätigte vor kurzem: Der Solidarnosc-Mitbegründer war auf der Spitzel-Liste des kommunistischen Sicherheitsdienstes.

Zwei Jahre vor dem Tod seines Sohnes und seiner Schwiegertochter, im August 1980, hatte Jurczyk als Lagerarbeiter der Stettiner Ludwik-Warynski-Werft mit Vertretern der kommunistischen Regierung verhandelt und sie zum ersten Mal in der Geschichte des Ostblocks zu einer Legalisierung der politischen Opposition gezwungen. 1981 kündigte er in seiner viel zitierten Rede in der Möbelfabrik von Trzebiatow an, er werde Galgen für die Solidarnosc-Gegner bauen, worauf ihm die Moskauer "Literaturnaja Gaseta" den Spitznamen "Wjeschatjel" gab: der Henker. Seine Verdienste um die Zulassung der Solidarnosc, die in Stettin einen Tag früher als in Danzig erreicht wurde, waren nach allgemeiner Überzeugung genauso groß wie die von Lech Walesa.

Durch den Tod seines Sohnes gewann Jurczyk an Popularität, doch seinem Intimfeind und Hauptkonkurrenten Walesa war er stets unterlegen. Es war der Elektriker aus Danzig, der dafür sorgte, dass Jurczyk 1989 zu den historischen Gesprächen am Runden Tisch nicht eingeladen wurde. Der gekränkte Jurczyk gründete daraufhin seine eigene Gewerkschaft Solidarnosc 80, die dem wahren Geist der Bewegung die Treue halten sollte. Die Sympathien der meisten seiner Anhänger verspielte er im Herbst 1998, als er sich mit den Stimmen der Postkommunisten zum Präsidenten im Stettiner Abgeordnetenhaus wählen ließ. Seitdem nennen die Graffitis an den Wänden Stettins den Helden vom August 1980 "Verräter Jurczyk".

Wie alle polnischen Politiker musste auch Jurczyk unter Eid versichern, dasser keine Kontakte zum Sicherheitsdienst unterhalten hat. Nun ist der Held der Solidarnosc nicht nur ein möglicher Verräter von gestern, sondern auch ein überführter Lügner von heute. Er muss jetzt auf sein Senatorenmandat im polnischen Sejm verzichten, das Amt des Stettiner Stadtpräsidenten darf er behalten, solange seine Koalitionspartner damit einverstanden sind.

Die Neuigkeiten über seine Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst haben eine Welle von Spekulationen ausgelöst. War Jurczyk schon immer ein Instrument in den Händen der Kommunisten gewesen? Wurde die berühmte Trzebiatow-Rede im ZK der Partei oder gar in Moskau geschrieben?

Die Luft um den Präsidenten wird dünn. Dennoch will er nicht aufgeben. Er behauptet, es handle sich um eine politische Verschwörung gegen ihn, und hat Berufung gegen die Entscheidung des Prüfungsgerichts eingelegt. Außerdem behauptet er, niemandem geschadet und keinen denunziert zu haben. Jurczyk hat ausgesagt, die Offiziere vom Sicherheitsdienst hätten seine Unterschrift mit Waffengewalt erzwungen und gedroht, seine Familienangehörigen zu beseitigen. Trotzdem regt sich Jerzy Serdynski, der 1980 zu den Streikenden der Stettiner Werft gehörte, heute über Jurczyk auf: "Dann wäre er verpflichtet gewesen, uns darüber zu informieren, als wir ihn zum Streikführer gewählt haben." Jurczyk weiß, dass der Tod seiner Kinder vom polnischen Nationalbewusstsein als eines der Symbole der Unterdrückung aufgenommen wurde - neben den neun erschossenen Bergleuten vom Kohlenbergwerk "Wujek" und dem ermordeten Solidarnosc-Priester Popieluszkò. Noch bis Ende der 80er Jahre war das Grab des jungen Ehepaares eine Pilgerstätte. Jedes Jahr zu Allerheiligen wurden dort Tausende von Kerzen angezündet, während die Polizei die Friedhofsbesucher fotografierte.

Aus schwer nachvollziehbaren Gründen verzichtete die kommunistische Propaganda damals auf die Bekanntgabe der tatsächlichen Hintergründe einer Tragödie, die mit einer Rache des Sicherheitsdienstes wohl nichts zu tun hatte.

Unter den Stettinern galt der 23-jährige Sohn des Arbeiterführers Jurczyk als eine labile Persönlichkeit. Adam war alkoholabhängig und verkehrte in der Drogenszene. Seine Ehefrau Dorota lernte er während einer Entziehungskur in der Psychiatrie kennen, wo sie als suizidgefährdete Patientin in Behandlung war. Die beiden stritten pausenlos miteinander, trennten sich, um sich dann wenig später ewige Liebe zu schwören. Während eines Streits sprang Dorota aus dem Fenster der gemeinsamen Wohnung und verunglückte tödlich. Am Tag danach wurde Adam von der Staatsanwaltschaft verhört. Die Protokolle von damals ergeben das Bild einer Vater-Sohn-Beziehung, die von gegenseitiger Kälte geprägt war. Als Marian Jurczyk sich von seiner ersten Frau scheiden ließ, war sein Sohn noch ein Kleinkind. Nicht einmal zur Hochzeit Adams ist er erschienen, und die Alimente, so sagt man in Stettin, hat er auch nicht immer bezahlt.

Der Tod seiner Kinder hatte mit Jurczyks politischer Laufbahn nichts zu tun. Adam nahm sich das Leben, weil er sich den Tod seiner geliebten Frau nicht verzeihen wollte. Er sprang aus der Wohnung seines Freundes, der sich zu dem Zeitpunkt in der Küche aufhielt, um Tee zu machen.

Ein paar Tage später hat Marian Jurczyk ganz Polen auf seiner Seite gehabt. Offensichtlich mag sich der 64-Jährige noch heute nicht vom Rausch dieses Gefühls befreien.

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