Politik : Henry-Realismus

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Henry Kissinger ist in Berlin. Der große alte Vordenker der US-Außenpolitik, von vielen verehrt und von manchen verachtet, tut, was ehemalige und aktive Politiker eher selten tun. Er hört zu. Junge Abgeordnete aller Parteien hat der Ex-Minister ins „Four Seasons“ gebeten, später aß er im „Berlin Capital Club“ mit einer anderen Runde, doch immer ging es ihm weniger um das eigene Reden als ums Erfahren. Vor allem denkt Kissinger dabei in Generationen.

Er, in Fürth geboren und 1938 in die USA geflüchtet, gehört noch zu denen, die er die „erste Generation“ nennt: die Weltkrieger, die nach 1945 den Aufbau betrieben. Kissingers Projekt besteht darin, nun den Brückenschlag zur „dritten Generation“ zu suchen. Die 68er überspringt er; er will wissen, wie die Jungen ticken. Natürlich hat er längst das entsprechende Ehrenamt, das dem Zuhören Sinn verleiht. Kissinger soll einen Bericht schreiben, eine Anleitung zur deutsch-amerikanischen Wiederannäherung. Darin findet sich vielleicht wieder, was der knapp 80-Jährige am Freitagmorgen erfuhr.

Die Runde der MdBs war sich ziemlich einig: Realismus! Wie segensreich können die Vereinten Nationen in Krisen schlichten? Eher nicht so sehr, fand die Gruppe. Die Absage an jeden Idealismus in Sachen Völkerrecht und Machtdurchsetzung, einige würden sagen: der Abschied von jeder Naivität – das ist ein roter Faden, der Kissinger gefällt. Die strategischen Analysen des Friedensnobelpreisträgers von 1973 haben noch nie viel von dem enthalten, was sein könnte, sondern stets mehr von dem, was ist – und deshalb getan werden muss. Bei Deutschlands Politik-Nachwuchs steht Kissinger damit nicht allein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben