Politik : Henschel, Baujahr ’51

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Sie brauchen nicht zufällig gerade einen Engelskopf aus Gips? So ein pausbäckiges, dicklippiges Grinsegesicht mit gelocktem Haar, umrahmt von Flügelchen, 62 Zentimeter breit, 35 Zentimeter hoch? Kann man über der Schlafzimmertür an die Wand pappen oder über den Badezimmerspiegel. Echt preiswert ist er auch, bloß 40 Euro. Jedenfalls im Moment. Man ist nie sicher bei Auktionen, was hinten rauskommt. Wobei es in diesem Falle eines jeden rechtschaffenen Bürgers Anliegen sein müsste, dazu beizutragen, den Preis hochzutreiben. Denn der Gipsengel wird nicht etwa feilgeboten in jenem sattsam bekannten Internet-Auktionshaus, sondern in einem weit weniger bekannten. Die Adresse heißt „www.zoll-auktion.de“ und verrät schon, wer dahinter steckt: der Zoll, also dessen oberster Dienstherr, der Hans Eichel. Der lässt zu Gunsten der Staatskasse, also von uns allen, das versteigern, was der Zoll beschlagnahmt, der Gerichtsvollzieher gepfändet, der öffentliche Dienst aus seinen Beständen ausgesondert hat.

Das Angebot kann einen nachdenklich stimmen. Ausrangierte Forst-Jeeps oder ehemalige Streifenwagen – nun gut, das versteht man. Wie aber das Hauptzollamt Stralsund an ein größeres Kontingent Innentüren gekommen sein mag? Welch armem Schuldner wohl die E-Gitarre gehörte, die das Finanzamt Beckum feilbietet? Und dann das größte Rätsel: eine echte kleine blaue Diesellok, Fabrikat Henschel, Baujahr 1951. Die wird versteigert von der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein. Und das wüssten wir nun doch schon gerne, was die mit dem Lokomotivchen bisher angestellt haben: ein halbes Jahrhundert lang vergeblich versucht, Schlangenlinien zu fahren?

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar