• Heranwachsenden Straftätern wird in Stuttgart sofort nach der Tat der Prozess gemacht - mit begleitender Sozialbetreuung

Politik : Heranwachsenden Straftätern wird in Stuttgart sofort nach der Tat der Prozess gemacht - mit begleitender Sozialbetreuung

Andreas Böhme

Sollte jugendlichen Straftätern der kurze Prozess gemacht werden? Im Haus des Jugendrechts in Bad Cannstatt bei Stuttgart gibt es ein bundesweit einzigartiges Projekt, das nach dem Muster "Anklage kurz nach der Tat" verfährt. Der Fall Murat ist ein anschauliches Beispiel: An einem Mittwochnachmittag verlangte der 15-Jährige von einem Gleichaltrigen ein Handy, versetzte ihm zwei Schläge ins Gesicht und drohte weitere Prügel an. Im Juristendeutsch gilt das als räuberische Erpressung und Körperverletzung. Die Justiz hätte das Wort.

Nicht so im Cannstatter Modellprojekt der Polizei: Eine Stunde nach der Tat nehmen die Beamten die Anzeige auf, am Donnerstag früh wird Murat schon verhört. Im Nebenzimmer erklären sich derweil das Opfer und dessen Vater, und gegen Mittag treffen sich alle unter den Augen der Jugendgerichtshilfe zum Ausgleichsgespräch. Verstehen sich die beiden Jungen, könnte das Verfahren eingestellt werden. Es folgt eine Ermahnung der Jugendgerichtshilfe, und am Dienstag darauf stellt der Jugendstaatsanwalt das Verfahren unter Auflagen ein.

Als "Rennwagen mit Turbomotor" bezeichnet Staatsanwalt Gernot Blessing das Verfahren. Was sonst Monate dauert, geschieht seit Sommer vergangenen Jahres in Stunden. Und vor allem: Es geschieht unter einem Dach. Polizei, Jugendgerichtshilfe und Staatsanwaltschaft sind im gleichen schmucklosen Bürobau im Cannstatter Industrieviertel untergebracht, und auch dasJugendgericht sitzt nebenan. Ziel der Vernetzung ist, rasch und kompakt auf die steigende Zahl von Jugenddelikten von immer jüngeren Tätern zu reagieren. Nicht Strafe steht im Vordergrund, sondern Erziehung. Jugendarrest soll vermieden werden, da so Delinquenten ausgegrenzt werden.

Ein wichtiger Vorteil ist die Effektivität. Keine Doppelarbeit in den Behörden, keine langwierigen Aktensendungen. Schon die Polizei ermahnt bei der ersten Vernehmung und notiert pädagogisches Bemühen. Die im Modellprojekt koordinierten staatlichen und kommunalen Behöden sind sicher: Folgt die Strafe auf dem Fuß, wirkt sie mehr.

Der kurze Prozess führt am geltenden Recht keineswegs vorbei. Wer auf herkömmlichen Fristen besteht, bekommt sie. Ansonsten jedoch wird eine Gerichtsverhandlung nicht lange terminiert, sondern an einen Sitzungstag einfach drangehängt. Zuvor werden Täter und Eltern beraten, soziale Dienste und mobile Jugendarbeit einbezogen. Betreuung, Trainingskurse, Arbeitsmaßnahmen und Heimunterbringung werden unter einem Dach abgesprochen.

Da galt es zunächst, Hemmungen bei den Mitarbeitern abzubauen. Der "Datenschutz" war oft eine beliebte Ausrede, Wissen für sich zu behalten und die eigene Behörde gegen das andere Amt abzugrenzen. Dass Sachbearbeiter im Jugendamt plötzlich zu Zeiten Dienst schieben wie sonst nur Polizisten und Streetworker, will ebenso gelernt sein wie die vielfältige Rückkopplung. Solche Schwellen bauen die beiden wöchentlichen Fallkonferenzen ab oder das Wissen um die gegenseitige Kompetenz, erworben in einwöchigen Hospitanzen in der jeweils anderen Behörde. Die monatliche "Hauskonferenz" stiftet zusätzlich Identität. Hier werden Schwerpunkte und neue Konzepte erarbeitet, zum Beispiel die Gegenüberstellung von Tätern und Opfern bei Ladendiebstählen. Bei Gewaltdelikten ist ein solches Procedere nicht neu, aber wie geht das bei kleinen Dieben und ihren anonymen Opfern? Jugendgerichtshelfer Günter Augustin hat die örtliche Karstadt-Filiale bei ihrer sozialen Verantwortung gepackt. An drei Abenden lernen Ladendiebe nun gemeinsam mit dem Abteilungsleiter, wie der den Schwund einkalkulieren muss und welchen Druck sein Chef ausübt, wenn in seiner Abteilung mal wieder besonders viel gestohlen wurde.

Rund 500 Fälle hat das Projekt bislang bearbeitet, und nicht alle waren so leicht wie der von Murat. Aber Körperverletzung und Diebstahl führen nach wie vor die Rangliste von Straftaten an, im überschaubaren Stuttgarter Vorort Bad Cannstatt wie in der Polizeistatistik des ganzen Landes. Da bleibt noch eine ganze Menge Arbeit für die Betreuer jugendlicher Straftäter.

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