Politik : Herr Bullerjahn von der SPD

Der Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt kann seinen Wählern zuhören – stundenlang

Antje Sirleschtov[Wittenberg]

Ausgerechnet im Hundertwasserhaus wollen sie übernächsten Sonntag auf das Wahlergebnis warten, die Sozialdemokraten in Magdeburg. „Bisschen schräg ist das schon“, hatte sie ein erfahrener SPD-Wahlkämpfer davor gewarnt. Aber dem Jens Bullerjahn hat die Idee gleich gut gefallen. Hundertwasser, das ist die Abkehr von der menschlichen Normierung. „Und in die Politiker-Norm“, sagt der Spitzenkandidat spöttisch, „da passe ich ja auch nicht richtig rein“.

Stimmt auffallend. In Sachsen-Anhalt ist gerade die heiße Phase des Landtagswahlkampfes angebrochen. Und der Mann, der an diesem eiskalten Dienstag seine Hände im Mantel vergräbt und schnurstracks über den Marktplatz in Wittenberg eilt, hat so rein gar nichts von einem Politiker, der diese Wahl in zehn Tagen gewinnen und Ministerpräsident des Landes werden will. Erfahrung im politischen Geschäft? Woher soll die kommen, Bullerjahn ist Jahrgang ’62, also gerade mal 43 Jahre alt. Kommunikatives Geschick? Bullerjahn hasst die Dampfplauderer seiner Profession. Der SPD-Spitzenkandidat wird es an diesem Wahlkampftag in der Lutherstadt fertig bringen, seinen Wählern zwei Stunden lang zuzuhören. Zwei Stunden lang! Und hochtrabende Versprechungen für eine bessere Zukunft? „Das ist Marktwirtschaft live“, tröstet Bullerjahn einen Mittelständler, der ihn bittet, als Ministerpräsident doch dafür zu sorgen, dass die kanadischen Bombardier-Manager den Waggonbau in Halle nicht schließen, weil sonst seine Zulieferaufträge weg sind.

Ernst sieht er aus auf den Wahlplakaten, mit leicht grauem Haar und Bartstoppeln im Gesicht. Und sein Lieblingswort ist „realistisch“, wenn er meint, es gebe im Osten zu viele kleine Bundesländer, und der Traum von der Eigenständigkeit Sachsen-Anhalts, den solle man ruhig vergessen. Keine schillernden Botschaften also. Und doch: Man könnte den Elektroingenieur Bullerjahn ein politisches Phänomen nennen, das vielleicht am ehesten hier, in Sachsen-Anhalt, eine Chance auf den Wahlerfolg hat.

20 Prozent Arbeitslosigkeit, Massenabwanderung und kaum eine Basis für industrielle Zukunft: Die Leute hier zwischen Harz und Jerichower Land winken längst ab, wenn ihn einer was von großen Chancen erzählt, die man nur engagiert und arbeitsam ergreifen müsste. Sie haben seit der Wende korrupte Unionspolitiker, ideenlose Sozialdemokraten im Bündnis mit der PDS und Cornelia Pieper erlebt. Sie hatte als FDP-Landeschefin bei der letzten Wahl 2002 satte 13 Prozent mit dem Slogan „SPD geht, Arbeit kommt“ gewonnen. Einen Tag später war sie weg, die Arbeit ist bis heute nicht nach Magdeburg gekommen. Bullerjahn hat seine politischen Rezepte schon vor Jahren in einem Programm „Sachsen-Anhalt 2020“ aufgeschrieben und sie trotz eines ersten Aufschreis der Genossen tapfer ins Wahlprogramm geboxt: Sparen will er an den vielen Verwaltungsebenen im Land, damit Geld für Schulen und Investitionen übrig ist. Und das Bildungssystem auf Vordermann bringen. Von der Notwendigkeit eines Mindestlohns spricht er und davon, dass die wenigen Fördergelder für Betriebe konzentriert werden sollen.

Das alles steht freilich so oder so ähnlich auch im Programm der CDU, deren Regierungschef Wolfgang Böhmer Bullerjahn aus dem Amt treiben will. Glaubt man Wahlumfragen, dann wird es übernächsten Sonntag eine große Koalition geben, wird die CDU die Nase vorn haben. Bullerjahn macht sich darüber allerdings keine Sorgen. „Seien wir realistisch“, sagt er, „Wolfgang Böhmer ist jetzt 70 Jahre alt“.

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