Politik : Herzog wußte die Tonart zu setzen

ALBERT FUNK

Die Erinnerung muß ihn ein wenig getrogen haben, den bayerischen Ministerpräsidenten, der Johannes Raus Ansprache nach der Wahl vor der Bundesversammlung die "schwächste eines Bundespräsidenten überhaupt, unvergleichlich schwächer als die von Herzog oder Weizsäcker" bezeichnet hat.Denn viele Worte verlor Richard von Weizsäcker nicht, nachdem er jeweils am 23.Mai 1984 und 1989 zum Bundespräsidenten gewählt worden war.Einige Sätze des Dankes nur, die nicht erahnen ließen, daß der frühere Berliner Regierende Bürgermeister das Mittel der "großen Rede" wie kaum einer der Vorgänger zu nutzen wußte, um mit ihr Wirkung über die Tagespolitik hinaus zu erzielen.Es waren unaufgeregte Wahlen gewesen, weil die SPD beide Male keinen Gegenkandidaten aufgestellt hatte.

Immerhin folgte Weizsäcker 1984 einer Tradition, die der erste Bundespräsident Heuss begründet hatte, die aber später nicht fortgesetzt wurde (auch nicht von Johannes Rau am Pfingstsonntag): Weizsäcker sprach direkt zum Volk.Noch am Wahlabend auf dem Bonner Marktplatz, aus Anlaß einer Verfassungsfeier.Heuss war nach seiner Wahl 1949 spontan zu dem Platz in der Bonner Stadtmitte gefahren und hatte eine Rede gehalten.Nur ein Satz Weizsäckers aus dieser Rede klingt nach bis heute: Von Berlin, sagte er, sei zu lernen, daß das Nebeneinander unterschiedlicher Meinungen möglich sei.

Zehn Jahre später hatte der Standardsatz aller Gewählten, man wolle "der Bundespräsident aller Deutschen sein", eine ganz andere Bedeutung.Denn Roman Herzog, mit 696 von 1320 Stimmen gegen Johannes Rau zum Bundespräsidenten gewählt, nachdem Hildegard Hamm-Brücher (für die FDP) und Jens Reich (für die Grünen) vor dem dritten Wahlgang ihre Kandidaturen zurückgezogen hatten, war der erste "wiedervereinigte" Präsident.So warb er bei den Westdeutschen für Verständnis und Opferbereitschaft zugunsten der neuen Länder, und er wandte sich an die Ostdeutschen mit einem Satz, der die Herzen öffnen sollte, aber noch etwas in sich trug vom vierzigjährigen Getrenntsein: "Sie müssen begreifen, daß sie für uns keine Last, sondern daß sie für uns ein Gewinn sind." Da sprach noch der westdeutsche Bundespräsident alle Deutschen.

Doch Herzog gelang, mit der ersten Rede die Tonart für die gesamte Amtszeit zu setzen.Er wolle Deutschland so repräsentieren, wie es wirklich sei, sagte Herzog: "Friedliebend, freiheitsliebend, leistungsstark, um Gerechtigkeit bemüht, solidaritätsbereit, tolerant, weltoffen und, was mir fast als das Wichtigste erscheint, meine Damen und Herren, unverkrampft." Kein Widerspruch.Rau aber zeigte sich enttäuscht.Nicht über Herzog, sondern über die FDP, die sich gegen ihn entschieden hatte."Heute haben die Liberalen bewiesen, daß sie keine eigenständige Kraft mehr sind", sagte Rau 1994.Fünf Jahre später haben einige der Uneigenständigen für ihn gestimmt und die Wahl im zweiten Wahlgang ermöglicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar