Hessen : Koch kann auch anders

Siegt Andrea Ypsilanti, könnte der Hesse Roland Koch wieder Wirtschaftsanwalt werden – oder Wirtschaftsminister in Berlin.

Christoph Schmidt Lunau[Wiesbaden]
Roland Koch
Der amtierende Ministerpräsident Hessens, Roland Koch. -Foto: dpa

In dieser Woche darf sich der geschäftsführende hessische Ministerpräsident Roland Koch, CDU, noch einmal in Amt und Würden präsentieren. Für den heutigen Mittwoch hat sich hoher Besuch aus der Hauptstadt angesagt: Koch wird Bundespräsident Horst Köhler empfangen, mit Eintrag in das goldene Buch der Landeshauptstadt und Krad-Eskorte. Für die nächste Woche kann Koch Termine nur noch unter Vorbehalt vergeben. Am kommenden Dienstag, wenn sich Andrea Ypsilanti zur Wahl stellt, droht nach fast zehn Jahren CDU-Herrschaft in Hessen, zuletzt sogar mit absoluter Landtagsmehrheit, der Machtverlust. Doch eine Strategie für den „Tag danach“ ist in der hessischen Union tabu.

Offiziell hoffen CDU und FDP, dass die SPD-Linke Ypsilanti bei der geheimen Wahl am Wirtschaftsflügel ihrer eigenen Partei scheitert. Dass Ypsilantis Rivale Jürgen Walter das sichere Landtagsmandat dem Ministeramt vorgezogen hat, wird als gutes Omen für ein schnelles Ende des fragilen Bündnisses gewertet, selbst wenn Ypsilanti am 4. November gewinnen sollte. Als Minister hätte er sein Landtagsmandat wohl aufgeben müssen und wäre bei einem Scheitern der eigenen Regierung ohne Forum gewesen.

Doch wie geht es weiter bei der CDU? „Eine bodenlose Krise“ könnte da auf die erfolgsgewohnte Partei zurollen, sorgt sich ein führender Liberaler. Dass Koch selbst, wie von 1992 bis 99, den Oppositionsführer gibt, gilt als unwahrscheinlich. Dass er EU-Kommissar werden will, hat er dementiert. Das muss allerdings nichts heißen. Ein Wechsel ins Bundeskabinett ist wegen der nur schwer zu justierenden Machtverteilung zwischen CDU und CSU nicht einfach. Koch selbst erinnert in diesen Tagen gerne an seine Karriere als Wirtschaftsanwalt. Als ihm nach dem Machtverlust der CDU der damalige Parteichef Manfred Kanther den gerade errungenen Landtagsfraktionsvorsitz abgenommen hatte, nutzte er die Zwangspause, „um ordentlich Geld zu verdienen“.

In der hessischen CDU gilt Koch allerdings als schwer ersetzbar. Zu sehr hat der erst 51-Jährige in den vergangenen Jahren die hessische CDU zu „seiner“ Partei gemacht. Sein möglicher Nachfolger, Innenminister und Parteivize Volker Bouffier, 56, versicherte denn auch, Koch sei und bleibe „unser Anführer“. Bei einem schnellen Scheitern des rot-rot-grünen Bündnisses stünde Koch wohl noch einmal bereit.

Doch für die Landtagswahl 2012 muss die CDU eine neue Nummer eins finden. Bouffier wird im Wahljahr 61 Jahre alt werden, keine idealen Voraussetzungen für einen personellen Neuanfang. Dem einzigen Nachwuchstalent in der CDU-Ministerriege, die Sozial- und Wissenschaftsministerin Silke Lautenschläger, 40, schadet das, was ihr in der Vergangenheit genutzt hat: Sie genoss die Förderung Kochs, der durch seine verunglückte Kampagne zur Jugendkriminalität auch in den eigenen Reihen an Reputation verloren hat.

An Koch wagen sich die parteiinternen Kritiker nicht heran. Sie kühlen ihr Mütchen an Kochs Mitstreitern. Das haben bereits Ex-Kultusministerin Karin Wolff (Rücktritt), Generalsekretär Michael Boddenberg (schlechtes Wahlergebnis auf dem Parteitag) und Regierungssprecher Dirk Metz (interne Angriffe) zu spüren bekommen. Intellektuell und strategisch wäre Justiz- und Kultusminister Jürgen Banzer, 53, der geeignete Kandidat. Er handelte mit Grünen und SPD Kompromisse in der festgefahrenen Schulpolitik aus. Ihm traut man zu, die Grünen zu einem Jamaika-Bündnis mit der FDP gewinnen zu können. Doch er gilt in der CDU nicht als mehrheitsfähig; Banzer ist zudem ein Mann von kleiner Statur und großer Fülle, in der Mediendemokratie nicht die besten Voraussetzungen für Spitzenkandidaten. Allein die Junge Union macht die Schwierigkeiten des personellen Neubeginns zum öffentlichen Thema: Ihr Landesvorsitzender Peter Tauber fordert Klarheit, mit wem die CDU in Zukunft um Vertrauen werben will.

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