Politik : Hessen-SPD: Der freundliche Hammerwerfer

Christoph Schmidt Lunau

Gerhard Bökel, 54 Jahre alt, liebt den Kraftsport. Mit 17 Jahren war er hessischer Jugendmeister im Hammerwurf, gut 30 Jahre später Hessenmeister der Senioren. Auch wenn der frühere Innenminister heute in Wiesbaden auf dem SPD-Landesparteitag mit überwältigender Mehrheit als neue Nummer eins der hessischen SPD, und damit als Herausforderer von Ministerpräsident Roland Koch (CDU), gekürt werden dürfte, liegt ein Kraftakt hinter ihm.

Der künftige SPD-Landesvorsitzende musste sich gegen Heckenschützen und Skeptiker durchsetzen. Lange blieben Meldungen aus Berlin undementiert, nach denen der Parteivorsitzende, Bundeskanzler Gerhard Schröder, statt Bökel einen jüngeren Herausforderer gegen den hessischen Ministerpräsidenten favorisiere: Gerhard Grandke, den 46-jährigen Oberbürgermeister von Offenbach, der sich in der früheren Lederstadt den Ruf eines erfolgreichen Sanierers erworben hat.

Noch am Tag von Bökels Nominierung durch den Landesvorstand war in Berlin die Falschmeldung kolportiert worden, Grandke stelle sich einem parteiinternen Zweikampf um die Spitzenkandidatur. Wenn Bundesfinanzminister Hans Eichel heute sein Parteiamt als Landesvorsitzender an Gerhard Bökel weiterreicht, will er das als Zeichen der Geschlossenheit gewertet wissen. Auch wenn der neue SPD-Spitzenmann, Bökel, im Land nicht überall bekannt ist - als Innen- und Landwirtschaftsminister spielte er bereits in der 1999 abgewählten rot-grünen Landesregierung eine Schlüsselrolle.

Oft hat er vermitteln müssen. Die Grünen wollten den Verfassungsschutz abschaffen, verweigerten die Zustimmung zur Schleierfahndung und lehnten die Abschiebung von Bürgerkriegsflüchtlingen ab. Bökel gelangen stets Kompromisse, auch durch seine persönlich freundliche und verbindliche Art.

Die damalige CDU-Opposition schalt ihn deshalb einen Opportunisten. Auf seinem Weg an die Spitze der Partei scheute Bökel weder Mühen noch Risiken. Vor zwei Jahren trat er im traditionell linken Bezirk Hessen-Süd in einer Kampfabstimmung gegen den "Linken" Grumbach an, um eine gute Ausgangsposition für die Spitzenkandidatur zu erringen, mit Erfolg. Mit seiner Forderung nach einem flächendeckenden Angebot an Ganztagsschulen konnte er die Sozialdemokraten in der Schulpolitik aus der Defensive bringen, nachdem Roland Koch mit seiner Unterrichtsgarantie und 2000 neu eingesteellten Lehrern Punkte hatte sammeln können. "Ich will Ministerpräsident werden", widerspricht Gerhard Bökel allen, die den Zweikampf gegen den eloquenten, krisenresistenten Roland Koch für aussichtslos halten.

"Stärkste Partei" soll die hessische SPD werden, dieses Ziel nennt Bökel unbeschadet der Schlappe bei den Kommunalwahlen im März. Amtsbonus und Bekanntheitsgrad des Mitbewerbers werde er durch Glaubwürdigkeit und Offenheit ausgleichen, sagt Bökel, und spielt dabei auf den CDU-Schwarzgeldskandal an; bei seinem langen Schaulaufen durch SPD-Ortsvereine und Bezirke habe er erfahren, dass er die Menschen für sich einnehmen könne.

Die Ergebnisse der Landtagswahlen in Hessen sind seit Jahrzehnten stets knapp ausgefallen. Den parteiinternen Vorwahlkampf hat Bökel bereits gewonnen, nicht im Sprint, sondern auf der Langstrecke. Bis zum Zieleinlauf am Wahlabend bleiben ihm jetzt knapp 20 Monate Zeit.

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