Politik : Hessen-SPD: Entscheidung in Oberursel

Christoph Schmidt Lunau

Die wichtigste Personalie der hessischen SPD wird in diesem Juni entschieden: Der Bezirksvorsitzende von Hessen-Süd, Gerhard Bökel, ehemaliger Innen- und Landwirtschaftsminister, soll im Jahr 2003 als Herausforderer von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) die Landtagswahl gewinnen. Für ihn räumen in diesen Tagen Bundesfinanzminister Hans Eichel und der Fraktionschef Armin Clauss ihre Spitzenpositionen in Partei und Fraktion. Während Bökel aufrückt, konkurrieren zwei Kandidaten darum, seinen Posten zu erben. Deshalb kommt es heute im größten SPD-Bezirk Hessen-Süd zu einer Kampfabstimmung.

Mit Gernot Grumbach, 48, und der Bundestagsabgeordneten Christine Lambrecht, 35, kandidieren gleich zwei Vertreter des linken Flügels. Christine Lambrecht, die bereits im Parteispendenausschuss des Bundestages durch forsche Fragen aufgefallen ist, hat sich auf ein riskantes Spiel eingelassen. Ohne Rücksicht auf die Flügelarithmetik hat sie mit Grumbach einen langjährigen Strippenzieher der südhessischen SPD herausgefordert, der endlich aus dem Schatten seiner früheren Chefin, Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, heraustreten will.

Vor zwei Jahren unterlag Grumbach dem Ex-Minister Bökel, der auf seinem Weg zur Spitzenkandidatur ein Parteiamt suchte. Nach Meinung vieler ist der langjährige Vize deshalb diesmal "dran". Solche Argumente mag Lambrecht nicht gelten lassen. Die Rechtsanwältin hat es in ihrer Heimatstadt Viernheim früh zur Stadtverordnetenvorsteherin gebracht. 1998 nahm sie der CDU überraschend den Bundestagswahlkreis Bergstraße ab. Sie verspricht den Delegierten "frischen Wind"; weniger abgehoben wünscht sie sich die Politik ihrer Partei.

Dabei steht Christine Lambrecht in der linken Tradition Südhessens, sie stritt in ihrer Fraktion zum Beispiel gegen den Kosovo-Einsatz der Bundeswehr. Auch Gernot Grumbach versteht sich als SPD-Linker. Allerdings weist seine Vita die typischen Stationen einer Funktionärskarriere auf, als ehemaliger Referent von sozialdemokratischen Regierungsmitgliedern. Er ist als ideenreicher Autor von Anträgen hervorgetreten und hat auch für den heutigen Parteitag ein umfangreiches Papier verfasst.

Die Entscheidung in Oberursel bleibt bis zuletzt spannend, da die Delegierten quer zum Links-Rechts-Schema abstimmen dürften. Während die Traditionalisten Grumbach auf jeden Fall verhindern wollen und deshalb lieber die "linke Frau" wählen, kungeln auch Politikerinnen gegen ihre Geschlechtsgenossin. Da denkt manche Genossin wohl auch an die eigenen Chancen: Sollte nämlich heute die 35-jährige Kollegin einen der einflussreichsten Posten in der hessischen SPD erringen, gilt sie für die Landesliste zur nächsten Bundestagswahl als gesetzt. Und dort drängen sich bereits jetzt viele, unter anderem die Regierungsmitglieder Eichel, Riester, Wieczorek-Zeul, Schaich-Walch und der IG-Bau-Chef Wiesehügel. Wie hart der Kampf um die Plätze ist, musste Kabinettsstar Eichel in seiner Heimatstadt erfahren. Seinen Plan, im Wahlkreis Kassel zu kandidieren, hat er aufgeben müssen. Amtsinhaber Gerhard Rübenkönig erwies sich als unverzichtbar. Dazu ein Sozialdemokrat: "Ein Rübenkönig im Landkreis ist uns wichtiger als ein Kaiser in Berlin."

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