Hessen-SPD : "Kein Kandidat für ein paar Wochen"

Thorsten Schäfer-Gümbel soll die hessische SPD als Spitzenkandidat in die Neuwahlen im Januar führen. Aber wie will er die SPD retten?

Interview von Christian Tretbar
Schäfer-Gümbel Foto: ddp
Hoffnung für die SPD? Hessischer Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel.-Foto: ddp

Herr Schäfer-Gümbel, wie wollen Sie die SPD vor einer sich abzeichnenden Wahlniederlagen retten - in so kurzer Zeit? 

Wir müssen mit unseren Themen wieder durchdringen. Themen, die ja schon bei der Wahl am 27. Januar dieses Jahres eine gesellschaftliche Mehrheit fanden. Wenngleich mir klar ist, dass die Attacken der bürgerlichen Parteien schon auf mich gerichtet werden, aber das macht nichts. Ich freue mich auf diesen Wahlkampf.

Aber er wird hart. Hatten Sie überhaupt die Chance, über ihre Kandidatur bei diesem schwierigen Unterfangen nachzudenken oder ging alles sehr schnell?

Erste Gespräche gab es am Freitagabend, als die Parteispitze verschiedene Modelle diskutierte, unter anderem auch das Modell Generationswechsel, für das ich stehe. Ich wurde gefragt, ob ich es mir vorstellen könne. Nachts habe ich dann mit meiner Frau darüber beraten und wir haben gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass ich nur antreten werde, wenn ich kein Kandidat für ein paar Wochen bin, sondern, dass damit ein langfristiger Generationswechsel über die Wahl hinaus eingeleitet wurde. Das habe ich dann am Samstagmorgen vor der Sitzung des Parteirates mit der Parteispitze besprochen. Die Unterstützung für diesen Kurs war da.

Aber wäre es nicht ein eindeutigeres Signal für einen Generationswechsel gewesen, wenn Andrea Ypsilanti auch den Weg für Sie als Parteichef frei gemacht hätte? Nur so wäre es ein echter Neuanfang.

Nein. Ich habe nur knapp 70 Tage Zeit für einen schwierigen Wahlkampf. Das ist fast gar nichts. Und da will ich mich nicht mit der Frage der Parteiführung befassen. Als Spitzenkandidat muss ich sofort loslaufen können, dafür brauche ich keine weiteren formalen Funktionen. Egal wie: Es ist zugegebenermaßen ein sehr ambitioniertes Projekt.

Wie muss man sich das Zusammenspiel Ypsilanti und Schäfer-Gümbel vorstellen? Gibt sie als Parteichefin die Direktive, die Sie als Spitzenkandidat umsetzen müssen?

Nein. Der Spitzenkandidat hat per se ein Vorzugsrecht bei inhaltlichen und personellen Fragen. Aber da gibt es auch keine Differenzen, denn wir werden mit den Themen antreten, für die Andrea Ypsilanti erfolgreich gekämpft hat. Diese Ziele sind ja nicht falsch geworden. Allerdings werden wir auch nachjustieren müssen, weil Themen dazugekommen sind, die sich in ihrer Wucht vor einem Jahr noch nicht abgezeichnet hatten: die Finanzmarktkrise zum Beispiel.

Was schlagen Sie da vor?

Es geht um neue Kontrollmechanismen und darum, den Kreditkreislauf, der vor allem für mittelständische Unternehmen wichtig ist, am Leben zu halten.

Was heißt das konkret?

Dazu werde ich mir jetzt ein Bild machen und in den nächsten Tagen klar Stellung beziehen.

Und personell? Wie soll das Zukunftsteam der hessischen SPD aussehen und wird Andrea Ypsilanti darin eine Rolle spielen?

Auch das werden wir in den kommenden Tagen diskutieren.

Auch die Frage, ob Sie oder Frau Ypsilanti auf Platz eins der neuen Landesliste stehen werden?

Es ist doch völlig klar, dass ich als Spitzenkandidat dort stehen werde. Ansonsten wird die Liste größtenteils die alte sein - minus vier.
Sie meinen die vier Abweichler, Dagmar Metzger, Silke Tesch, Carmen Everts und Jürgen Walter. Wie werden Sie sich denen gegenüber verhalten?

Dazu ist von der Partei alles gesagt. Ich habe mehrfach darauf verwiesen, dass dieses Verhalten unredlich und unsolidarisch war. Damit ist das Thema für mich persönlich abgehakt.

Genau wie das Versprechen, kein Linksbündnis einzugehen. Man solle niemals nie sagen, erklärten Sie am Samstag. Aber haben Sie einen Favoriten für eine Koalition?

Wir müssen in Hessen raus aus der Bunkermentalität und offen sein für diverse Konstellationen – das betrifft alle Parteien. Aber ich finde, der rot-grüne Koalitionsvertrag war ein guter Kompromiss.

Auch in ihrer eigenen Partei werden Sie Kompromisse eingehen müssen. Wie wollen Sie denn das konservativere Lager einbinden, sie gelten ja als Parteilinker? 

Die Termine mit einigen Persönlichkeiten der hessischen SPD stehen bereits und die hessischen Genossen wissen, dass ich keine Scheuklappen trage.

Und was erwarten Sie von der Bundesspitze der SPD?

Uneingeschränkte Solidarität.

Was heißt das? Haben Sie schon mit Parteichef Franz Müntefering gesprochen?

Es gab bisher nur indirekten Kontakt über unseren Bundesgeschäftsführer. Aber am heutigen Montag werde ich voraussichtlich in Berlin sein.


Zur Person:

Thorsten Schäfer ist 39 Jahre alt und SPD-Abgeordneter im Hessischen Landtag. Er wurde vom Parteirat der hessischen SPD als neuer Spitzenkandidat für die am 18. Januar stattfindenden Neuwahlen vorgeschlagen, nachdem Parteichefin Andrea Ypsilanti zuvor angekündigt hatte, nicht mehr als Spitzenkandidatin in den Wahlkampf gehen zu wollen. Die Neuwahlen werden nötig, weil der Versuch der SPD, eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Duldung der Linken zu bilden am Widerstand von vier SPD-Abgeordneten gescheitert war.   

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