Hetzjagd von Mügeln : "Das war keiner von hier"

Man will sie nicht kennen in Mügeln, die Schläger von Samstagnacht. An der Tat ändert das nichts. Nur mühsam wird aufgearbeitet, was da eigentlich passiert ist, beim Dorffest - und ob bei Sprüchen wie "Ausländer raus" ein rechtsradikaler Hintergrund ernsthaft ausgeschlossen werden kann.

Axel Vornbäumen

Mügeln? Seien wir ehrlich – nie gehört. Aber den Klang der deutschen Provinz, den haben wir doch im Ohr: die Idylle und die Beschaulichkeit, bestenfalls, und ihre hässlichen Schwestern, die Engstirnigkeit und die Intoleranz. Und Fremdenfeindlichkeit? Oh ja, die auch. Aufbrausend bisweilen und, viel zu oft, latent vorhanden.

So darf man jetzt auch reden über Mügeln, Kreis Torgau-Oschatz, Sachsen, 5000 Einwohner. Dort haben sie in der Nacht zum Sonntag acht Inder durch die Straßen gehetzt und sind nun erst mal dabei, die passenden Begriffe zu finden für das, was da passiert ist. Nämlich? Fremdenfeindlichkeit, ja Fremdenhass wird schon dabei gewesen sein, wenn sich acht Inder, offenbar sogar in Polizeibegleitung, nur mit Mühe in ein nahe gelegenes Lokal retten konnten, bevor 70 Polizeibeamte die Angreifer letztlich zurückdrängen konnten. 70!

„Ausländer raus“, soll dabei gebrüllt worden sein, und „Hier regiert der nationale Widerstand“. Und niemand da, der vernehmlich gerufen hat: „Nein, der regiert hier nicht!“? Offensichtlich nicht.

Dann aber ist die Hetzjagd von Mügeln ein Lehrstück über mangelnde Courage im Alltag, das, was man manchmal mit Emphase, aber durchaus zu Recht „Zivilcourage“ nennt, dann nämlich, wenn sie bitter vermisst wird. Dann nämlich, wenn die elementarsten Grundregeln zivilen Miteinanders in Gefahr sind: Dass man Ausländer nicht anzündet, ist eine dieser Regeln, dass man sie nächtens auch nicht durch die Straßen hetzt, eine weitere. Dass man versucht einzugreifen, wenn man es beobachtet, eine dritte. Und dass man, wenn man sich nicht traut, weil man zu schwach dafür ist, sich später als Zeuge zur Verfügung stellt, wenigstens das, eine vierte.

In Mügeln aber suchen sie nach Zeugen, was angeblich so einfach nicht ist. Die Ermittlungen haben, nun ja, ein wenig schleppend angefangen. Die Polizei benötigte geschlagene 20 Stunden, um überhaupt erst amtlich mitzuteilen, was da war. War da was? Acht verletzte Inder, vier verletzte Deutsche, zwei verletzte Polizisten. Ja, da war was.

Mag ja sein, dass sie ungeübt sind in solchen Dingen, in Mügeln. Die Polizei. Der um den Ruf des Städtchens besorgte Bürgermeister. Das wäre nachzusehen. Aber schließt das automatisch ein, unsensibel sein zu dürfen?

Was sind die ganzen „Gesicht zeigen“-Kampagnen eigentlich wert, wenn der Erkenntnisprozess jedes Mal aufs Neue derart mühsam anlaufen muss? Wenn der Verweis des Bürgermeisters – „das war keiner von hier“ – dankbar begriffen wird als: Dann ist es ja auch halb so wild. Wohl wahr: Es macht für die Tatnacht einen Unterschied, ob womöglich organisierte Rechtsextreme die Hetzjagd geplant haben oder der dumpfe Volkszorn gegen irgendwie Fremdartiges sich bierselig Bahn gebrochen hat, warum genau auch immer. Es ist allemal einfacher, dem Nachbarn „Mensch, lass den Quatsch“ zuzurufen, als einer Horde Skins. Doch für den Willen zur Aufarbeitung am Tag danach muss das ohne Bedeutung sein.

Mügeln – nie zuvor gehört. Nun sind die Medien da. So ist das immer. In dem kleinen sächsischen Städtchen werden sie in den kommenden Tagen alle Hände voll zu tun haben, mit der Wahrnehmung zu kämpfen. Der von außen, und der eigenen. Sie werden sich wehren, als braunes Nest abgestempelt zu werden. Sie werden das als ungerecht empfinden. Mag sein. Es ist aber auch nicht gerecht, nachts Inder durch die Stadt zu hetzen.

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