Politik : Hetzjagd zweimal die Woche

Im Dresdner Neonazi-Prozess schildert ein Skin seine Gewalttaten

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Von Frank Jansen, Dresden

Er will auspacken, doch die Sätze kommen nur kurz und nuschelig. Martin D. hat sich entschlossen, „reinen Tisch zu machen“, als bislang einziger Angeklagter im Prozess am Dresdner Landgericht gegen sieben Mitglieder der verbotenen Neonazi-Gruppe „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS). Im Saal 199 blicken alle auf den 24-Jährigen mit den weißblond gefärbten Haaren. „Zwei- oder dreimal pro Woche wurden in Pirna Hetzjagden auf Linke gemacht“, sagt D. und stockt. „Das ist richtig ausgeartet.“ Die anderen Angeklagten starren vor sich hin, einige gähnen. In ihren Augen ist D. ein Verräter und Versager. Doch der reuige Ex-Nazi lässt sich nicht beirren. Und berichtet, wie er in der naiven Hoffnung auf herbmännliche Freizeit an die kriminelle Organisation geriet.

Im Juni 1998 „bewarb“ sich D. bei einem SSS-Mann und bekam als eine Art Mitgliedsausweis einen Aufnäher der „Aufbauorganisation Unteres Elbtal“ für seine Bomberjacke. Die SSS verpflichtete ihre Novizen zu einer Probezeit in einer ihrer zwei „Aufbauorganisationen“, bevor die Aufnahme in die Kerntruppe möglich war. Martin D. sagt: „Ich musste Busse organisieren“. Mit denen fuhren die Neonazis zu Konzerten rechtsextremer Rockbands. Dabei blieb es nicht. Auf wöchentlichen „Sitzungen“ seien „Straftaten gegen Linke“ besprochen worden, sagt D. Er war häufig bereit dazu. „Es hat ein gutes Bild gemacht, wenn man teilnehmen wollte.“ Zum Beispiel am Überfall auf Linke, die am Abend des 10. Juli 1998 auf den Pirnaer Elbwiesen grillten. Die maskierten und mit Knüppeln bewaffneten Neonazis prügelten auf die Gruppe ein, fünf Menschen wurden verletzt. Zu seinem Tatbeitrag will sich D. jedoch nicht äußern, da er in einem früheren Prozess gegen einen Mittäter einen Meineid geschworen hatte. Ausführlich schildert er hingegen die Attacke auf Besucher des Pirnaer Kommunikationszentrums „Umweltfabrik“ am 30. Mai 1999. „Fast jeder hat irgendeinen geschlagen“, berichtet D., „ich habe dreimal auf das Bein von einem geschlagen“. Mit einem Bambusstab von einer Fackel, der zerborsten sei. Am 2. Juli 1999 war D. dabei, als die SSS mit mehreren Pkw einen Wagen der Linken stoppten und die Insassen fotografierten – für einen „Antifa-Hefter“, in dem Daten des Gegners gesammelt wurden.

Etwa ein Jahr mischte D. mit, dann trat er aus. Trotz Schlagkraft und „Zuverlässigkeit“ war es ihm nicht gelungen, in die SSS-Führungsmannschaft aufzusteigen. Doch er weiß, was außer den Überfällen noch alles geschah. Martin D. berichtet von Telefonterror und fingierten Warenbestellungen, mit denen Linke belästigt wurden, von „Plakataktionen“ für die NPD und von den Plänen, eine „Security“ nach dem Vorbild der Spezialeinsatzkommandos der Polizei aufzubauen. Von dieser hatten die Neonazis wenig zu befürchten: Eine Polizistin, Cousine eines SSS-Mitglieds, habe mehrmals vor Durchsuchungen gewarnt, sagt D. Kommenden Mittwoch wird er weiter befragt.

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