Politik : Heute: Brigitte Seebacher-Brandt

Die Regierung von Gerhard Schröder ist in Sch

Die Regierung von Gerhard Schröder ist in Schwierigkeiten. Für seinen Sparkurs findet der Bundeskanzler bei den Wählerinnen und Wählern kaum Zustimmung. Das Hauptargument gegen ihn lautet, er missachte die soziale Gerechtigkeit. Was kann er jetzt noch tun, um Erfolg zu haben? Kann und soll er überhaupt noch Erfolg haben?

Wie viel Engel haben auf der Nadelspitze Platz? So ungefähr hört sich die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit an. Längst hat sich das Wort gelöst vom wirklichen Leben und ist zur blutleeren Floskel verkommen. Oder glaubt irgendjemand, die Welt lasse sich auf den Kopf stellen? Und staatliche Zuteilung bringe wieder Segen?

Die Welt unserer Tage verlangt nach individueller Chance und der Befähigung, sie zu nutzen. Schröders Problem ist, das Richtige zu wollen, es aber nicht anzupreisen. Das Zutrauen fehlt. Rücksicht auf eine Gerechtigkeit, die ihren sozialen Sinn vor hundert und mehr Jahren erhalten hat, ist Rückschritt. Es ist diese verdammte Zwiespältigkeit, die Schröder das Leben schwer und der vereinten Reaktion das Leben leicht macht. Und dann rächt sich, dass wenig vorbereitet war und das Feld einem Mann überlassen blieb, der sich im falschen Glanz des Ideologen zu sonnen und doch nur im Dagegen hervorzutun wusste. Wie gut, dass die Zeit immer schneller vergessen lässt.

Anfänge sind nun einmal schwer. Schröder ist nicht hochmütig. Vielleicht lernt er sogar, dass ein Regierungs- und Parteichef auch in der Mediengesellschaft nicht über jeden Stock springen darf, der ihm hingehalten wird. Er weiß, wie viel Ballast über Bord zu werfen wäre. Und wie leicht es sich dann gehen ließe. Wenn Schröder dafür auch noch die richtigen Worte fände, er würde wieder gewinnen. Gerechtigkeit säen und selber ernten. Gerade bei den kleinen Leuten.Die Autorin ist Historikerin und Witwe des ehemaligen Bundeskanzlers und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt.

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