Politik : Heute fällt das Urteil im Münchner Völkermordprozess

Stefan Schirmer

Man könnte sich den Mann als Filialleiter einer Bank vorstellen. Proper in Sakko und Krawatte gekleidet, vor sich Papier, auf dem er mit hellblauem Textmarker Sätze anstreicht. Er sitzt regungslos da, aber die Augen beobachten konzentriert, was um ihn herum passiert. Nur die sieben bewaffneten Polizisten, die hinter ihm stehen, machen den grausigen Verdacht greifbar: Djuradj Kusljic ist wegen Völkermordes angeklagt.

1993 kam Djuradj Kusljic als "Kriegsflüchtling" nach Deutschland. Er sagt: "Ich konnte in der Dunkelheit meiner Heimat nicht mehr leben." Im vergangenen Jahr heiratete er eine Münchner Wirtin, arbeitete als Bauleiter. Bis ihn eine Frau aus seinem Heimatdorf erkannte. Am 1. September 1998, morgens um sieben, stürmten drei bewaffnete Sondereinsatzkommandos Kusljics Haus, die Gaststätte seiner Frau und die Baustelle, die er beaufsichtigte. Sie fanden ihn bei der Arbeit, verhafteten ihn und brachten ihn im Hubschrauber zur Bundesanwaltschaft nach Karlsruhe.

Wer in Vrbanjci in Bosnien-Herzegowina den 25. Juni 1992 überlebte, wird diesen Tag kaum vergessen. Damals holten bosnische Serben muslimische Nachbarn aus den Häusern und trieben sie in die Dorfmitte. Sie trennten die Männer von ihren Frauen und Kindern. Gegen 16 Uhr peitschten Gewehrsalven durchs Dorf. Etwa 30 Männer sowie drei Frauen und zwei Kinder starben, die anderen wurden vertrieben. Einige Wochen später wurden noch einmal mindestens 18 muslimische Männer von Kugeln durchsiebt, dann in einem Stall verbrannt. Das ist mehr als sieben Jahre her.

Djuradj Kusljic sitzt auf der Anklagebank im Bayerischen Obersten Landesgericht München. Er ist 44, Vater dreier Kinder. In Vrbanjci war er eine Zeitlang Schulleiter. Die Bundesanwaltschaft glaubt, dass er im Krieg Polizeichef war und dass er verantwortlich ist für die "ethnischen Säuberungen" in seinem Heimatbezirk. Die Bundesanwaltschaft fordert lebenslang, Kusljic beteuert seine Unschuld. In einem Prozess, in dem die Wahrheit so schwer zu fassen ist wie Wasser mit einem Sieb. Heute soll das Urteil fallen.

Eigentlich wäre das Haager Jugoslawien-Tribunal für Kusljic zuständig. Doch es ist überlastet, dorthin gelangen nur die "großen Fische" wie Goran Jelisic, der sich als "Adolf Hitler Serbiens" rühmte und gestern zu vierzig Jahren Haft verurteilt wurde. Doch auch deutsche Gerichte können über ausländische Kriegsverbrecher urteilen, sofern die Angeklagten länger in Deutschland gelebt haben. Die Einstellungsquote bei diesen Verfahren ist sehr hoch. "Wissen Sie, wir haben halt nur Morde ohne Leichen", sagt Bundesanwalt Rainer Griesbaum. Weil die Behörden der bosnischen Serbenrepublik die Zusammenarbeit verweigern, dürfen die deutschen Strafverfolger keine Tatwaffen, keine Spuren, geschweige denn die zugehörigen Leichen suchen. Sie sind im Land der Täter auf freiwillige Zeugenaussagen angewiesen. Griesbaum klagt: "Der Zeugenbeweis ist leider der allerschlechteste." Da sagt zum Beispiel ein muslimischer Nachbar aus. Er habe sich nichts dabei gedacht, als eines Tages Totenstille im Dorf war, bisweilen von Gewehrsalven durchbrochen. Nun ja: "Da standen zwei meiner serbischen Nachbarn, die trugen plötzlich Polizeiuniformen." Der Vorsitzende Richter fragt: "Hat Sie das nicht interessiert?" Der Zeuge stammelt, schweigt. Schließlich: Er sei in seinen Ziegenstall geflohen.

79 Zeugen haben im Münchner Prozess ausgesagt. Den Grund für die zahllosen Widersprüche untereinander kann man nur erahnen. Ob die Menschen sich selber täuschen oder das Gericht? Hat die Zeit die Erinnerung ausgehöhlt? Ist die Wahrnehmung getrübt, wenn man in quälender Langsamkeit am Tode vorbeischrammt? Viele Zeugen sind traumatisiert, haben heute noch Angst. Eine in Deutschland lebende Bosnierin sagt nach ihrer Vernehmung, jetzt könne sie nie wieder in ihren Heimatort zurück.

Es spricht sich herum, wer was ausgesagt hat. Das Prinzip Hörensagen wurde auch dem Angeklagten zum Verhängnis. 1995 ging eine junge Muslimin, nennen wir sie Fatima, zur Polizei. Sie habe gehört, dass ihr früherer Schuldirektor in Deutschland sei. Ein Mann, den sie angeblich mit ihren eigenen Augen morden sah. Den sieben Münchner Richtern schildert sie ihre Version des Massakers vom 25. Juni 1992: Sie wird mit anderen Frauen und Kindern in ein Obstgeschäft gesperrt. Es ist übersät mit Splittern einer zerschossenen Schaufensterscheibe, vor der drei Frauen und zwei Kinder in ihrem Blut liegen. Später führt ein Mann Fatima ab. Außerhalb des Dorfes am Straßenrand stehen Polizisten mit Kalaschnikows. Unter ihnen Djuradj Kusljic, im Kampfanzug. Drei Meter entfernt müssen sich sechs Muslime vor Baumstämmen aufstellen. "Wir schießen", habe Kusljic befohlen und dann auch selbst gefeuert. "Ich sah, wie die Männer rückwärts über die Baumstämme fielen", sagt Fatima. Damals war sie 15.

Das Mädchen konnte fliehen. Vor Gericht schauen sich der Serbe und die junge Frau nicht in die Augen. "Ihr ständiger Kampf mit den Tränen ist ein starkes Glaubwürdigkeitskriterium", wird Staatsanwältin Silke Ritzert später in ihrem Plädoyer betonen. Fatima ist ihre Kronzeugin. Die Verteidigung hält dagegen: "Das Mädchen hat ein Motiv: Rache." Dafür müsse der Angeklagte herhalten, sagt Kusljics Pflichtverteidiger Wilfried Eysell. Dreimal ist er in Bosnien-Herzegowina gewesen, um Entlastungszeugen aufzutreiben. Um zu belegen, dass Kusljic am Tag des Massakers das Schulhaus als Hilfspolizist bewachte; später räumt dieser ein, das Gebäude gelegentlich verlassen zu haben.

In Vrbanjci hat Eysell einen Brief von Fatima aufgestöbert. Darin die Sätze: "Für Vater bin ich zu allem bereit, sogar zur Rache. (...) Notfalls am Jüngsten Tag." Ihr Vater ist im Krieg verschollen. Was also soll man von der Zeugin halten? Und was von Djuradj Kusljic?

Vor Gericht tritt er selbstsicher auf. Mal grinst er flüchtig. Etwa wenn seine deutschen Richter Mühe haben, die geballten "tsch"-Laute in slawischen Orts- und Familiennamen auszusprechen. Nur die häufig aufeinander gepressten Lippen und ein starrer Blick nach unten verraten die Anspannung des Angeklagten. Manchmal, wenn er seiner Dolmetscherin Worte zum Übersetzen vorgibt, scheinen Kusljic auch herrische Züge nicht fremd. Spricht aus ihm ein Schulleiter oder ein Polizei-Kommandant? Hat er die "großserbische Sache" zu seiner eigenen gemacht, die planmäßige Ausrottung der muslimischen Bevölkerung?

"Mein Mandant ist kein Nationalist", wendet Verteidiger Eysell in seinem Plädoyer ein. "Die Verantwortlichen saßen anderswo." Er fordert Freispruch. Nun also müssen die Richter entscheiden. Ob Kusljic am 14. August, als das zweite Massaker in einem brennenden Stall sein Ende fand, wirklich seine schwangere Lebensgefährtin ins Krankenhaus brachte, ins nahe gelegene Banja Luka. Oder ob er Leben auslöschte. Zwei Tage, bevor er selbst zum dritten Mal Vater wurde.

Nachdem die junge Fatima im Gericht zu hören war, hat Djuradj Kusljic einen Satz gesagt, den man als Versprechen oder als Drohung verstehen kann: "Gegen diese Aussage werde ich mein ganzes Leben kämpfen."

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