Politik : Heute von Andreas Fritzenkötter

Andreas Fritzenkötter

Die Regierung von Gerhard Schröder ist in Schwierigkeiten. Für seinen Sparkurs findet der Bundeskanzler bei den Wählerinnen und Wählern kaum Zustimmung. Das Hauptargument gegen ihn lautet, er missachte die soziale Gerechtigkeit. Was kann er jetzt noch tun, um Erfolg zu haben? Kann und soll er überhaupt noch Erfolg haben?

Wahlkampf 1998: Gerhard Schröder suchte und fand die Medien. Er gab Journalisten die Zuneigung, die Helmut Kohl ihnen nie geben wollte. Wie viele Berichterstatter freuten sich über das angebotene "Du", über scheinbare Nähe. Die Rechnung ging auf und der Wahlsieg kam. Konsequent wurde weiter inszeniert: "Wetten dass". Cohiba und Brioni.

Gleichzeitig zog der graue politische Alltag ein. Regieren machte auf einmal weniger Spaß, sondern brachte vor allem Arbeit, Verantwortung und Stress - ein scharfer Kontrast zur lockeren Wahlkampf-Show. Die Inszenierung geriet aus dem Gleichgewicht, und damit auch des Kanzlers Verhältnis zu den Medien. "Würden Sie diesen Kanzler noch einmal wählen", titelte bissig eine der Illustrierten, die den Kandidaten Schröder noch so aufmerksam-liebevoll begleitet hatte. Heute redet man in der Szene offen über manche Ruppigkeit des Bundeskanzlers gegenüber neugierigen Journalisten. RTL und einige Zeitungen müssen mit Interview-Verweigerungen leben.

Bei Helmut Kohl hätte sich kaum jemand darüber aufgeregt. Warum nicht? Weil man es von ihm nicht anders erwartet hätte. Nicht Nähe, sondern Distanz bestimmte sein Verhältnis zu den Medien. Diese Distanz war mit ein Grund, dass er für viele ein schwer durchschaubares Phänomen geblieben ist. Ein Mythos entstand und führte dazu, dass viele Menschen bis heute neugierig die Persönlichkeit Helmut Kohls betrachten.

Aber auf jemanden, über den man scheinbar alles aus Fernsehen und Zeitungen erfahren hat, ist man eines Tages nicht mehr neugierig. Wenn dann die Probleme auftauchen, wenn die Kritik der Presse nur so niederprasselt, mag sich ein Kanzler, der einmal Medien-Liebling war, fragen: Kennen die Menschen mich eigentlich wirklich? Diese Frage konnte Helmut Kohl immer mit einem klaren Nein beantworten. Zu große Nähe zu den Medien verhindert eben Mythen. Und fördert den Verschleiß.Der Autor war Medienberater des Alt-Bundeskanzlers Kohl und ist heute in der Verlagsgruppe Bauer Leiter des Geschäftsbereichs Kommunikation und Presse.

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