HEUTE VOR 60 JAHREN Die Verkündung des Marshallplans : Als Europa wiedergeboren wurde

Am 5. Juni 1947 verkündete US-Außenminister George Marshall seinen Hilfsplan

Gerd Appenzeller

Die Armeelastwagen werden schon erwartet. Sehnsüchtig. Dutzende von fast zerlumpten, halb verhungerten Kindern laufen auf die Transporter zu. Es ist verdorbenes Obst und Gemüse, das die Lkw abkippen. Für die Besatzungssoldaten nicht mehr gut genug. Aber für die Kinder bedeutet der Abfall überleben.

Sommer 2007 in Darfur? Nein. April 1947, Frankfurt am Main. Es sind deutsche Kinder und amerikanische Soldaten, die das Bild zeigt, entstanden unmittelbar nach dem „Hungerwinter“, in dem Hunderte von Menschen im besetzten Deutschland verhungerten oder erfroren. Fotos wie dieses rütteln Amerika, aber auch die einstigen Kriegsgegner Deutschlands in Europa auf. Die USA beginnen wieder, sich Deutschland zuzuwenden. Nicht der einzige, aber der bedeutendste Ausgangspunkt dieser Entwicklung war eine Rede, die der amerikanische Außenminister George Marshall am 5. Juni 1947 in der Harvarduniversität hielt. Dort entwickelte er in einer knappen und völlig unspektakulär vorgetragenen Ansprache einen politischen Kurswechsel der USA: Ein durch amerikanische Kredite und verlorene Zuschüsse finanziertes Investitionsprogramm sollte den Wiederaufbau der vom Krieg verwüsteten Länder Europas beschleunigen. Und: Deutschland, der Kriegsgegner sollte an diesem Programm teilhaben können.

Durch den nach seinem Initiator benannten Marshallplan flossen zwischen 1948 und 1952 an 16 europäische Länder insgesamt 14 Milliarden Dollar. Die Kaufkraft entspricht heute etwa 100 Milliarden Dollar. Das Geld sollte Investitionen in Wohnungen und Industrie erleichtern, den Import amerikanischer Ausrüstungsgüter möglich machen und weitere Kreditvergaben auslösen. Hauptempfängerländer waren Großbritannien und Frankreich mit 3,6 beziehungsweise 3,3 Milliarden Dollar, 1,4 Milliarden gingen an Westdeutschland. Davon war eine Milliarde als Kredit gegeben, der in Raten bis 1972 zurückgezahlt wurde.

Die Mittel wurden den Unternehmen in der Regel als zinsgünstige Darlehen gegeben. Im Rahmen des „European Recovery Program“ – so der offizielle Titel des Marshallplans – standen die zurückgezahlten Gelder wieder für neue Anschubfinanzierungen zur Verfügung. Es gibt wohl kaum ein mittelständisches Traditionsunternehmen in Westdeutschland, das nicht im Laufe seiner Nachkriegsgeschichte irgendwann von ERP- Krediten profitierte. Ostdeutschland hingegen durfte, genau wie die übrigen kommunistisch beherrschten Länder, das ihnen ebenfalls von den USA angebotene Geld auf Stalins Befehl nicht annehmen.

Man kann heute, je nach persönlichem Standpunkt, die historischen Quellen entweder dahingehend deuten, dass es sich beim Marshallplan um ein christlich inspiriertes, humanitäres Hilfsprogramm gehandelt habe, oder es doch mehr als wohlkalkulierte Stützung eines im Kalten Krieges dringend benötigten, vom Zusammenbruch bedrohten Bündnispartners interpretieren. Die Motive mögen sich vermischt haben. Unstrittig ist, dass durch den Marshallplan Deutschland in den Kreis der zivilisierten Nationen zurückgeholt wurde und dass dies auch die Geburtsstunde des zusammenwachsenden Europas gewesen ist.

Dass es so kam, war alles andere als selbstverständlich oder auch nur naheliegend. Bei ihrem Vormarsch hatten die alliierten Truppen die ungeheuerlichen Gräuel in den Konzentrationslagern entdeckt. Die Öffentlichkeit in den Siegerstaaten war empört. Überlegungen, Deutschland durch massive Demontagen so zu schwächen, dass es nie wieder Auslöser eines Krieges sein könnte, wurden populär. Der Morgenthauplan, Deutschland in einen Agrarstaat zurückzuverwandeln, war 1946 bereits in Ansätzen realisiert. Die massivsten Demontagen fanden allerdings in den von Frankreich und von Russland besetzten Zonen statt. Auf dem Gebiet der späteren DDR bauten die sowjetischen Truppen außer der gesamten Schwerindustrie über 10 000 Kilometer Gleisanlagen ab.

Dieses Schleifen der Infrastruktur fand zeitgleich mit einem völligen Zusammenbruch der Nahrungsmittelversorgung statt. Deutschland war seit Kriegsende von den großen Agrarflächen Ost- und Westpreußens abgeschnitten. Kunstdünger gab es nicht. Zudem mussten fast zwölf Millionen Flüchtlinge aus dem Osten untergebracht und ernährt werden. Im langen und strengen Winter 1946/47 führten Hunger und Kälte zu furchtbaren Zuständen. Wegen der demontierten Gleise konnte im Osten keine Kohle mehr transportiert werden. Im Westen wurden große Fördermengen aus den deutschen Kohlegruben zwangsweise nach Frankreich verbracht. Völlige Demoralisierung der Bevölkerung war die Folge, das Elend schien ausweglos.

Vor allem die Amerikaner ahnten, dass sich eine verhängnisvolle Kettenreaktion wie nach dem Ersten Weltkrieg wiederholen könnte: Die durch den Versailler Vertrag erzwungenen hohen Reparationen, der Hunger und die Perspektivlosigkeit hatten letztlich den Boden für Adolf Hitler bereitet. Der Marshallplan war die Konsequenz aus dieser Einsicht.

George Marshall wurde 1953 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Deutschland bedankte sich bei Amerika für das beispiellose Hilfsprogramm, indem es 1972, zum 25. Jahrestag der Verkündung des Marshallplans, den „German Marshall Fund of the United States“ begründete, in den im Verlauf eines Vierteljahrhunderts 250 Millionen Mark flossen.

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